Es war mein Lebenstraum, Rezensent von Taschenbüchern zu werden. Nur eines wäre ich ähnlich gern geworden, nämlich Lektor für Kriminalromane: Da liegt man den ganzen Tag auf dem Kanapee und prüft sich, ob man gespannt ist. Woher kommt die Begeisterung für Taschenbücher? Taschenbücher sind erschwinglich; bei einigen von ihnen besteht sogar eine fesselnde Diskrepanz zwischen dem Nichts, das sie kosten, und der Größe des Geistes, in den sie Einblick gewähren. Das wäre schon ein Grund zum Kauf, aber es gibt noch einen anderen: Taschenbücher existieren in Hülle und Fülle, und es ist - nach Canetti - der Prozeß der Produktion, der "in den Augen der meisten heute etwas Heiliges hat". Was da verehrt wird, ist nicht zuletzt die Massenhaftigkeit der Erzeugnisse, "die ungehemmte Vervielfältigung". Taschenbücher verkörpern die Verbindung des Heiligtums der massenhaften Produktion mit dem Buch, das in alten Zeiten per se heilig war. Das Buch, und sei es die Heilige Schrift selbst, ist "Ware" geworden, und es sind die Taschenbücher, die die ungehemmte Vervielfältigung der Schriften am schönsten zum Ausdruck bringen.

Ihre Schönheit ist auch ein Grund meiner Faszination: Taschenbücher schillern in allen Farben; kein Trick der Reklame, nicht einmal der des Verzichts auf Opulenz ist für sie zu gering, um ihnen Aufmerksamkeit zu verschaffen. Ich bin ein "Warenästhet", ein wahrer Ästhet wird mir vorhalten: Ich falle da begeistert auf äußerliche Gestaltung herein, als wäre sie schon die Sache selbst.

Taschenbücher sind wie glitzernde Spielperlen, die eine reiche Kultur profitabel unter ihre Habenichtse wirft. Die Überflußproduktion folgt obendrein noch einer typischen Unlogik. Nehmen Sie zum Beispiel Balzac: Viele Verlage, auch Taschenbuchverlage, führen Die Menschliche Komödie in ihrem Programm. Aber lange noch bevor alle Menschen alle Bücher von Balzac besitzen, werden schon wieder neue Ausgaben produziert. Das hat - außer bei kostspieligen Neuübersetzungen - nur dann Sinn, wenn die verschiedenen Ausgaben unterschiedlich aussehen: Alles hängt vom Outfit ab.

Das neueste Design der Werke Balzacs sah mich herausfordernd an. Es stammt aus dem Hause Diogenes und ist ein kleiner Koffer aus Pappendeckel, der den Inhalt, Balzacs Bücher, in Rückenansicht zeigt. Die Gestaltung setzt auf optische Täuschung: Man gewinnt den Eindruck, eine Riesenbibliothek forttragen zu können, und das für wenig Geld! Die Versammlung aller Bücher im Koffer kommt aber auch dem wahren Wert der Romane Balzacs entgegen: Diese Romane haben Gewicht, und der gewichtige Koffer verleiht es ihnen auf seine Art.

Die Bücher sind in dieser Handbibliothek aufs engste geschichtet, und siehe da, es sind richtige Taschenbücher, nicht größer als ein kleiner Notizblock, auf den man allerdings viel schreiben kann. Nur der Druck erscheint etwas lieblos, aber ich sehe ein, auf irgend etwas muß der niedrige Preis ja abfärben. Unter all den Büchern ist zumindest eines, das zum Kanon gehören müßte. Es sind nach meiner Ansicht Balzacs Verlorene Illusionen, die ein jeder Mensch gelesen haben sollte. Unter anderem ist das die Geschichte eines jungen, schönen Menschen, dem es an nichts fehlt, außer an Geld, der aber eines im Übermaß hat, nämlich Schwäche(n). Der Schwache, der kein Geld hat, wird korrumpiert. Was man "die Gesellschaft" nennt, zerstört Illusionen aller Art, am liebsten die, die sie selber bei den Schwachen hervorruft. Balzac zeigt die gegenwärtige Geldgesellschaft in ihrem historischen Urzustand, das heißt jenseits der Verrechtlichungen, die sie derzeit wenigstens scheinbar erträglich macht. Bei Balzac agieren die Herrschaften so, wie sie's heute noch täten, falls es sich juristisch ausginge. In seinen Romanen lernt man diese Leute im Original kennen, das man ihnen nicht selten bis heute anmerkt.

Balzac freilich geht zu weit, wenn er sogar die Verleger aus dieser Sicht zum Vorschein bringt. In den Verlorenen Illusionen sind sie Geldsäcke, die mit dem Journalismus paktieren und mit den Bankiers um den sozialen Rang buhlen. Heute wissen wir, Verleger haben es schwer. Die Arbeit am Design ist hart, vor allem wenn der Anlaß gegeben ist: Im Mai wird Balzac vor 200 Jahren geboren worden sein. Dazu wird die ZEIT noch Gründliches sagen. Für den Taschenbuchfreund ist aber jetzt schon der neue Balzac bei Diogenes eine wirklich schöne Ausgabe.

Honoré de Balzac: