Auch Déjà vues werden langweilig. Es war wie immer: Vor dem PDS-Parteitag am vergangenen Sonntag die Kritik der "Reformer" an der mangelnden Bewältigung der DDR-Vergangenheit, an der Rückwärtsgewandtheit, der Appell, nun endlich in der Bundesrepublik anzukommen. Doch der Parteitag war Nährboden für Retroviren. Nun folgt der obligatorische Katzenjammer und die Verwunderung der "Reformer", daß sie wieder einmal nicht offen gestritten haben. Die Sprachregelung der Parteiführung galt: Die Affäre um den Honorarvertrag mit dem Exspion Rupp, die Amnestiedebatte - alles nur ein Problem des "Erscheinungsbildes"! Der Vorsitzende Lothar Bisky forderte "Kontinuität und Lernen"; Gregor Gysi übte Medienschelte: unsere kleinen Fehler und die große Ungerechtigkeit der Medien. Die böse Außenwelt stiftet innere Einheit. So wurde eine Personalie zum Ereignis: die triumphale Wahl des Dieter Dehm zum Parteivize. Der Medienprofi aus Hessen, Konzertmanager, Liedermacher, vor kurzem aus der SPD ausgetreten, ganz locker trotz des Stasi-Verdachts, der Erfolgstyp aus dem Westen, schwarze Lederjacke - seine Wahl war ein logischer Schritt: Wenn alles nur eine Frage des "Erscheinungsbildes" ist, dann muß eben ein Profi für das flotte Parteidesign in den Vorstand.

Und die Programmdebatte, die ein André Brie eingeklagt hatte? Da die PDS feministischer als die Feministen, grüner als die Grünen, linker als die SPD, östlicher als die Ostdeutschen und zugleich das gute Gewissen des Westens sein will, braucht sie keine Programmdebatte. Sie würde die PDS als Avantgarde der linken Gutmenschen gefährden. Die Lebenslügen der großen DDR-Familie sind stärker als alle kritischen Impulse. Außerdem: Eine Partei, stabilisiert durch 60 Prozent Altkader, bietet paradoxerweise viel Freiraum für Sektierer, Dogmatiker, für Radikalismen, für Systemwiderstand und überdies - im Unterschied zu anderen Parteien - viele hauptamtliche Stellen in Ländern und Gemeinden. Nirgendwo kann man als Jugendlicher so leicht eine Abgeordnetenkarriere machen. Die PDS: Das ist das Unikum einer sektiererischen Volkspartei.

So bleibt man unter Seinesgleichen, selbstgerecht. Kein Grund zur Änderung. Dennoch kriselt es; die Praxisbereiche reißen auseinander, die tüchtigen jungen Frauen, die "Reformerinnen" werden rebellischer. Aber noch herrscht das Leninsche Fraktionsverbot und das Einheitsmilieu gegen die (bürgerliche) Außenwelt. Es wird zerfallen, wenn es für Grundsatzdebatten zu spät ist. Wer zu früh protestiert, wie André Brie, wird ausgegrenzt. Er kandidierte nicht wieder für den Vorstand, und Lothar Bisky ließ den Dank der Partei an ihn, der noch in der schriftlichen Fassung seiner Grundsatzrede gestanden hatte, einfach weg.