Wie seltsam und wie attraktiv sich - noch immer - die paradoxen Elemente mischen: die klassizistischen Säulen und die mächtige Kuppel des Kapitols, aus dem weißen Marmor von Vermont und New Hampshire gefügt: Sie lassen keinen Zweifel, daß am Ufer des Potomac-Flusses das "Neue Rom" gebaut wurde, von dem Thomas Mann in der Neige des Ersten Weltkrieges (in den Betrachtungen eines Unpolitischen) schrieb - die Hauptstadt einer Weltmacht, der einzigen, die an der Wende zum 3. Jahrtausend den Namen mit fraglosem Recht trägt.

Der imperiale Wille, der sich in dem prangenden Stolz der Regierungserklärungen Thomas Jeffersons zum erstenmal annoncierte, begegnet einem Stil der bürgerlichen Bescheidung, für die das Weiße Haus mit seinen humanen Maßen das kostbarste Symbol ist: wer immer dort residiert. An der M-street aber und in den Gassen von Georgetown fließt das Leben in den späten Morgen- und frühen Abendstunden nach wie vor im trägen Gang einer südlichen Kleinstadt dahin: ein Nest von elitärem Anspruch, in dem der skandalöse Klatsch lange vor der Volontärin Monica Lewinsky zuweilen ins Monströse entwucherte. Auch darin hat sich seit Thomas Jefferson nichts geändert. Die Gerüchte, die von den zeitgenössischen Gazetten zu Beginn des vorigen Jahrhunderts mit solch häßlichem Eifer kolportiert wurden, trafen allesamt zu: Der gelehrte und weltläufige Virginier Jefferson zeugte mit der farbigen Gespielin seiner Tochter, Sally Hemmings hieß die Sklavin, wenigstens einen Sohn - das ist nun durch wissenschaftliche Tests erwiesen, zum Schmerz der Puristen.

Washington: Zentrum des Erdkreises, das ein triumphales Selbstbewußtsein schon lange nicht mehr verbirgt - und ein Weltdorf zugleich. Überdies - neben dem alten Rom, neben Paris, neben London - eine der schönsten Metropolen der Welt, eingebettet in einer Landschaft von betörender Anmut, an die Hügel von Virginia gelehnt, die sich nach Westen dem blauen Schatten der Allegheny-Berge entgegenstreckt, nach Nordosten hinter Strom und Wäldern offen zum Meer, das in der Chesapeake Bay fast bis an die Pforten der Hauptstadt drängt. Was für ein naiver Mut, ans Vermessene streifend, die Kapitale der Vereinigten Staaten in einer Region anzusiedeln, die einst nichts als Sumpf und Dschungel war, flankiert von den beiden Städtchen Georgetown und Alexandria, zu denen George Washington, ein Herr von säuerlichem Adel, mit seinem trockenen Realismus bemerkte, sie seien "Warenhäuser des Westens". Übrigens hockte damals noch ein unscheinbarer Weiler zwischen den beiden Handelsorten, Hamburg hieß er, jene Senke am Flußufer okkupierend, die man Foggy Bottom nannte, das Nebelloch, in dem hernach das State Department angesiedelt wurde. Das Planquadrat des Distriktes von Columbia, aus den Ländereien von Maryland und Virginia herausgeschnitten, bewachte die Schwelle zwischen Nord und Süd. Die Hauptstadt sollte die schwierige Balance zwischen den beiden Kulturen garantieren, die von Beginn an um die Seele Amerikas rangen: der bürgerlich-bäuerlichen des Nordostens und der aristokratisch-feudalen des Südens mit seinen Plantagen und dem Heer seiner Sklaven. Sie war zugleich ein Sprungbrett nach den Weiten des Westens, die hinter den Bergen und dem Tal des Ohio auf die Erschließung warteten.

Die Hauptstadt war von jeher Hätschel- und Stiefkind der Nation

Der Gründervater Washington, der von der Terrasse seines Schlößchens Mount Vernon bequem den Verkehr der Fregatten auf dem Potomac und damit die Verbindungslinien nach Europa zu beobachten vermochte, besaß ausgedehnte Ländereien in den neuen Territorien, und er wußte genau genug, wo das Land seine Zukunft zu suchen hatte. Der Kanal zu Füßen von Georgetown, der nun den Treidelbooten und den Touristen gehört, sollte einen schiffbaren Weg hinüber zum Ohio öffnen.

Die junge Nation hatte das Glück, den Ingenieur Pierre-Charles L'Enfant in ihre Dienste nehmen zu können: diesen genialen Baumeister und Planer, der von Beginn an in imperialen Maßen dachte. Er schuf die Grundkonzeption mit dem Netzwerk der Avenuen, die in Rondellen zusammenliefen, den geometrisch geordneten Querstraßen, mit der Mall, dieser Schneise der Macht, die vom Weißen Haus zum Capitol führte, den weiträumigen Plätzen, den Forts, von denen die künftige Hauptstadt bewacht sein sollte. Sein Grundplan bestimmt das Leben der Hauptstadt bis auf den heutigen Tag. Man mag L'Enfant den letzten Großbaumeister des 18. Jahrhunderts nennen, dem freilich der Kongreß - auf engste Weise bürgerlich-knauserig schon damals - die Grandeur schlecht vergalt: Er wurde mit schäbigen 3800 Dollar entlohnt (an die 100 000 hatte er gefordert), und er starb in dürftigen Verhältnissen.

Von George Washingtons idyllischer Residenz zum Distrikt war es nur ein halber Tagesritt, doch erst sein Nachfolger John Adams, ein neuenglischer Bürger melancholischen Temperamentes, konnte im Weißen Haus Einzug halten. Die begabte Abigail Adams, die in gewisser Hinsicht die Mutter des amerikanischen Feminismus ist, beklagte sich bitter, daß man im Schlamm versinke, wenn man den Fuß auf die Straße setze.