Der Untertitel ist zweideutig; Passion kann Leiden wie auch Leidenschaft bedeuten, oft das eine am andern. Genau das ist bei jener Statue der Aphrodite der Fall, die um 340 vor Christus von dem athenischen Bildhauer Praxiteles gemeißelt wurde und in Knidos an der ionischen Küste Aufstellung fand, weshalb sie, obschon nur in römischen Kopien erhalten, die knidische heißt.

Rasch avancierte sie zum Kultbild im doppelten Sinn, pilgerten doch zu ihrem Heiligtum nicht nur Verehrer der Liebesgöttin, sondern auch solche der weiblichen Schönheit. Es war, am Höhepunkt der griechischen Klassik, die erste vollrunde Statue einer ganz Nackten, die auch prompt Verwirrung stiftete: Durften Götter so menschenförmig dargestellt werden, und war hier überhaupt eine himmlische gemeint, nicht eher eine sehr irdische Person - einige meinten, die Geliebte des Künstlers oder gar Phryne, die berühmte Hetäre aus Athen? Möglicherweise diente die Göttin nur als Vorwand einer Demonstration plastischen Könnens.

Das ewige Problem der Mimesis oder Naturnachahmung war aufgeworfen, zumal sich, einer hartnäckig repetierten Sage zufolge, ein Jüngling derart heftig in die Götterfigur verliebte, daß er sie zu besitzen versuchte, wovon der Steinernen ein Flecken am inneren Oberschenkel blieb. Voraussetzung dafür war allerdings die geschmeidige Behandlung des Marmors durch Praxiteles, welche die Oberfläche hautähnlich schmelzend wirken ließ; nur so konnte es zur Verwechselung von Stein und Sein kommen, mitbedingt durch die Tatsache, daß die uns immer noch etwas viril vorkommende Statue für die an maskuline Formen selbst bei Frauenbildern gewöhnten Griechen ein überaus weibliches Wesen darstellte, und zwar recto wie verso, und daß gerade ihre Rückseite mit dem lockenden Gesäß die d iesen erotischen Schauplatz bevorzugenden Zeitgenossen so sehr ansprach, daß sie durch einen eigenen Hintereingang des Tempels besichtigt werden konnte.

Das Marmorbild hat nicht nur die Hellenen erregt. Nein, die ihr Gewand ablegende Schöne faszinierte die gesamte Spätantike und vor allem unser Mittelalter, wo es zur Verteufelung derart offenherziger Skulpturen kam, aus denen der Sensualismus des Heidentums sprach, vor allem zu Zeiten radikaler Ikonophobie, welche leibliche Darstellungen des Numinosen als lästerlich empfanden. Verdrängt wird aber nur, was latent wirksam bleibt. Und so erscheinen seit der Gotik wieder Nach-Bilder jener Göttin an den Kirchen, sei es als die abschreckende Frau Welt, vorne hui und hinten pfui, oder geläutert zur Schönen Madonna. Um drastisch die Folgen sinnlicher Verirrung vorzuführen, werden sie an Gewänden und Kapitälen in den Klauen des Teufels gezeigt, selbst hier aber nicht ohne erotischen Reiz, was das Schillernde solcher Dämonenabwehr verdeutlicht.

Nicht einmal die sogenannte Renaissance hat diesen Dualismus ganz auflösen können. Auch gab es, wie wir spätestens seit Panofsky wissen, nicht eine, sondern mehrere Renaissancen, von denen nur die letzte sich, das angeblich barbarische "Mittelalter" ausklammernd, direkt wieder dem Altertum zuwandte, obgleich vorher schon Antikes ständig aufgegriffen und transformiert worden war. Auch funktionierte die Renaissance nicht en bloc, wofür Albrecht Dürer der Kronzeuge ist. Gerade in seinem Werk, vor allem dem gezeichneten und gestochenen, wechseln Darstellungen üppiger, vor allem rückwärts prangender Weiblichkeit mit den berühmten Versuchen ab, solche sexuell besetzten Körper konstruktiv durch Messungen und Proportionsstudien unter Kontrolle zu bekommen, das heißt, Idol und Idealität miteinander zu versöhnen.

Was hier umrissen wurde, bildet den Inhalt eines höchst lesenswerten Buchs von Berthold Hinz. Auf den Spuren Aby Warburgs und beflügelt durch anthropologische Interessen und Strukturen der langen Dauer, gewinnt es aus Kunstwerken, ihrem Umfeld wie ihrer Wirkungsgeschichte Erkenntnisse, die sonst wegen der Einteilung in Epochen, Stile und Fächer immer nur sporadisch genutzt werden. Immerhin mobilisiert dieser Längsschnitt künstlerische wie schriftliche Zeugnisse vom Altertum bis zur frühen Neuzeit, dazu die Geschichte der Ideen und ihrer Wandlungen, endlich die Psychoanalyse mit ihren Grundannahmen von Triebkräften, deren Verdrängung und Sublimierung bis hin zur Traumerfüllung samt Interpretation.

Die Venus wird zur Schönen Madonna