Da war doch nicht etwa wieder ein Kujau am Werk? Nein, daß jene vier Briefe Adolf Hitlers an Ernst Jünger, die der Publizist Heimo Schwilk im Nachlaß des Dichters vorgefunden hat, echt sind, wollen wir nicht bezweifeln.

Könnten wir auch gar nicht. Bislang wissen wir darüber nur, was Schwilk uns verrät. In der Welt am Sonntag kommentierte er seinen Fund in breiter Ausführlichkeit; den vollen Originaltext hat er aber nicht preisgegeben. Schließlich sollte der Artikel Neugier auf seine angekündigte ultimative Jünger-Biographie wecken. Dabei half der kleine Etikettenschwindel in der Überschrift: Ernst Jünger - Adolf Hitler: Die Briefe. Zuviel versprochen - die Antworten Jüngers an Hitler sind und bleiben verschollen. Und auch von den vorliegenden Hitler-Briefen aus den Jahren 1926 bis 1929 ist nur einer, der erste und kürzeste, von Hitler selbst. Die anderen hat der Führerhandlanger Rudolf Heß im Auftrag seines Gebieters verfaßt.

Neu geschrieben werden muß die Geschichte des Verhältnisses Hitler-Jünger nach der Schwilkschen Enthüllung nicht. Die Briefe bestätigen, was die Forschung über die widersprüchliche Haltung der intellektuellen nationalrevolutionären Rechten gegenüber dem Nationalsozialismus weiß. 1926, als Jünger Adolf Hitler ein Exemplar seines Kriegsbuches Feuer und Blut schickt, hält er ihn noch fraglos für "den deutschen Führer". Hitler bedankt sich mit ein paar Zeilen für Buch und Widmung und preist Jünger als "einen der wenigen starken Gestalter des Fronterlebnisses". Kurze Zeit später hat Jünger bereits Einwände gegen die NSDAP. Sie ist ihm zu legalistisch, ihr Programm nicht antibürgerlich genug. Heß obliegt es, Jünger die Weisheit der Führertaktik nahezubringen. Bemerkenswert, daß er das noch 1929 tut. Denn da hat Jünger sich längst als offener Kritiker der Naziführung hervorgetan und schreibt für die Zeitschrift Widerstand des "Nationalbolschewisten" Ernst Niekisch, der Hitler als "liberalistischen" Verräter an der authentischen nationalistischen Revolution bekämpfte. Noch gab Adolf Hitler die Seele Jüngers aber nicht verloren: In einem Schreiben vom Juli 1929 versucht Heß, Jünger seine Sympathien für Niekisch auszureden.

Für Eingeweihte und Fachleute sind das alles nur Details eines vertrauten Bildes. Übellaunig hat Frank Schirrmacher Schwilk in der FAZ dafür gerügt, daß er um die vermeintliche Aufklärung längst bekannter Zusammenhänge so viel Aufhebens macht. Ist da Mißgunst herauszuhören gegen den Parvenü, der in den letzten Lebensjahren Jüngers zu dessen engem Vertrauten wurde und sich jetzt als neuer Chefapologet des "Jahrhundertdichters" profiliert?

Mag ja sein, daß Schirrmacher schon immer alles besser gewußt hat. Die gefundenen Briefe könnten einer breiteren Öffentlichkeit immerhin Anstoß geben, sich für die komplexe Gemengelage innerhalb der Weimarer extremistischen Rechten zu interessieren. Das sollte jedoch zu einer differenzierteren Sicht auf deutsche Geschichte beitragen und nicht neuen Mystifikationen Vorschub leisten. Die Briefe belegten, meint die Welt am Sonntag, "wie heftig die Nationalsozialisten den berühmten Kriegsbuch-Autor umwarben". Heftig? Mit vier mageren Briefen in drei Jahren? Solche Übertreibungen zielen darauf, die Verweigerungshaltung Jüngers gegenüber den Angeboten der Nazis aufzuwerten: Wer derart ungestümer Verführung widersteht, muß ein starker Charakter sein. Die konservative Rechte würde den eigensinnigen Dichtersoldaten gern als "reine", nationalgesinnte Gegenfigur zu Hitler aufbauen. In Wirklichkeit waren Jünger und sein revolutionärer Nationalismus nur sektiererische Randerscheinungen im Kräftespiel der untergehenden Weimarer Republik. Auch für Hitler.