Die Vorentscheidung des Parlamentarischen Rates für Bonn am 10. Mai 1949 war knapp gewesen, das vorläufig-endgültige Votum des Bundestages ein halbes Jahr später dagegen mit 200 zu 176 Stimmen recht eindeutig ausgefallen. Wenige Beobachter hatten nach dem vorausgegangenen ,Städtekampf' mit einem so klaren Ergebnis gerechnet. Immerhin war das geschlagene Frankfurt am Main, 1848/49 Sitz der ersten deutschen Nationalversammlung, die westdeutsche Wirtschaftsmetropole. Hier befanden sich bereits die Verwaltung der Bizone sowie der Wirtschaftsrat, eine Art Vorgängerparlament und zugleich demokratisches Übungsforum der neuen Republik.

Aber Adenauer wollte nicht im Schatten des amerikanischen Hauptquartiers regieren, fürchtete Frankfurts unruhige Vorstädte und seine "roten" Wähler. Das beschauliche Bonn mit sicherer CDU-Mehrheit schien dagegen besonders geeignet, die Abgrenzung zum verhaßten "Frankfurter Regime" zu dokumentieren. Daß die Universitätsstadt am Rhein weniger zerstört gewesen sei, ist indes eine Legende. Der 1944 zerbombte Zentrumsbereich war fünf Jahre später immer noch ein Ruinenfeld. Die besseren Viertel im Süden jedoch, zum stillen Bad Godesberg hin, mit ihren Villen aus dem 19. Jahrhundert waren intakt, als die Landesregierung Nordrhein-Westfalens hier den Parlamentarischen Rat einquartierte. Und erst die angenehmen Erfahrungen der Verfassungsmütter und -väter ließen überhaupt die Idee aufkommen, Bonn könne eher zur provisorischen Hauptstadt taugen als die alte Reichsstadt mit ihrer Paulskirchentradition.

Beide Städte hatten mächtig getrommelt. Die Mainmetropole verlor das Ringen, und so war es Bonn, das nach der Entscheidung vom 3. November 1949 seine Zusagen tatsächlich einlösen mußte. Wie wenig wirklich vorbereitet und solide finanziert war, hatten allerdings selbst die schärfsten der zahlreichen Bonn-Gegner nicht vermutet.

Vergleichsweise gut bedacht worden war der Bundestag. Das "Gastgeberland" Nordrhein-Westfalen hatte nicht gespart. Schließlich waren es die 402 Abgeordneten, von deren Einstellung die Bestätigung der Stadt als Bundessitz abhing. Sie sollten an ihrem neuen Arbeitsplatz Gefallen finden. Kern des Parlamentsgebäudes wurde die 1930 bis 1933 errichtete preußische Lehrerakademie direkt am Rheinufer. Plenarsaal und Restaurant waren bewußt großzügig dimensioniert. Durch Umbau des alten Akademiegebäudes und den Anbau zweier neuer Büroflügel entstanden funktionale Sitzungs- und Arbeitsräume, auch dies keine Selbstverständlichkeit im zerstörten Nachkriegsdeutschland. Architekt Hans Schwippert sorgte für eine moderne, sorgfältig durchkomponierte Inneneinrichtung. Trotzdem herrschte Raumnot: Prominente Abgeordnete wie zum Beispiel der Adenauer-Vertraute Robert Pferdmenges und ZEIT-Verleger Gerd Bucerius teilten sich ein Büro, mehr als die Hälfte der Parlamentarier besaß überhaupt keinen Arbeitsplatz im Hause. Gäste wurden auf dem Gang oder im Restaurant empfangen, Redekonzepte auf Treppenstufen entworfen. Nur 14 Monate nach der feierlichen Konstitution des Ersten Deutschen Bundestages plante man bereits einen siebengeschossigen Erweiterungsbau, das sogenannte Kleine Hochhaus. Es wurde praktischerweise unmittelbar auf einen Luftschutzbunker gesetzt; ihn abzutragen wäre zu teuer gewesen.

Der "Staatsaufbau" der Jahre 1948/49 ist undenkbar ohne die Länder. Auch sie erhielten folglich eine ordentliche Ausstattung. Für den Bundesrat wurde der Parlamentskomplex eigens um einen Flügel erweitert. Und bald schon besaßen die meisten Länder für ihre Vertretungen eines jener repräsentativen Anwesen, die vermögende Ruheständler am Ende des 19. Jahrhunderts in der Nähe des Stroms errichtet hatten.

In der Landesvertretung Bremens mit Blick auf den Rhein begann der junge Rechtsanwalt Karl Carstens seine politische Karriere, die ihn 1979 bis ins höchste Staatsamt führen sollte. Zunächst konnte der Regen über die Treppen der teilzerstörten Villa bis in die Büros im Untergeschoß laufen. Dann setzte die bremische Bauverwaltung das Dach instand, das Ehepaar Carstens bezog den ersten Stock. Bayern richtete zur Unterbringung der zahlreichen politischen Besucher unverzüglich ein eigenes Gästehaus ein. "Was Ausstattung und Zimmerpreise anbetrifft, so sind alle Räume in Bonn zur Zeit unerreicht", schwärmte der Sachbearbeiter der örtlichen Preisprüfstelle. Ausgerechnet die nordrheinwestfälische Landesvertretung fand aus den Sorgen nicht heraus. In der Hektik des Herbstes 1949 hatte man auf dem Grundstücksmarkt zusammengerafft, was irgendwie verwertbar erschien. Sitzengeblieben war man auf einer abgelegenen Villa in Godesberg, die ursprünglich für Oppositionsführer Kurt Schumacher (SPD) gekauft worden war. Ein neu zu errichtender Zweckbau wiederum war dem Düsseldorfer Landtag nur schwer zu vermitteln: Auch Preußen habe schließlich nie eine eigene Vertretung bei der Reichsregierung besessen, es sei grotesk, "im eigenen Lande eine Botschaft zu unterhalten". Glückliches Hamburg: Der Stadtstaat hatte klug abgewartet und konnte im Frühjahr 1950 eine 45-Zimmer-Villa in unmittelbarer Nähe zum Bundeshaus beziehen.

Schon zeitgenössische Kritiker konstatierten wütend, wie gut der Kanzler doch für sich selbst gesorgt hatte. Ohne Rücksicht auf die Kosten betrieb Adenauer den sofortigen Umbau des Palais Schaumburg, mißachtete dabei sowohl Vergabegrundsätze im Bauwesen als auch geltendes Haushaltsrecht. Andererseits war das naturhistorische Museum Koenig, sein vorläufiger Dienstsitz, schlicht ungeeignet. Selbst für Kabinettssitzungen taugte es nicht; eilfertig bot Vizekanzler Franz Blücher ersatzweise sein Ministerium im ruhiger gelegenen Haus Carstanjen am Rhein an. Vor allem war es die groteske Umgebung, die Adenauers Verständnis von bescheidener, aber doch kompromißlos würdiger Repräsentation zuwiderlief. Und wenn der Kanzler über das ,Jetier' nörgelte, das er auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz zwangsläufig passieren mußte, fragte er sich, wie das Ganze wohl auf Außenstehende wirken mochte. "Ein wenig seltsam war es schon, wenn man bei jedem Besuch beim Bundeskanzler erst einmal an dem ausgestopften Großwild vorbeizog. Es war nicht eben das, was der Jäger ,einen guten Anblick' nennt", beschreibt Eugen Gerstenmaier das Ambiente.