Der Pfad schlug eine Kurve, das Gebell nahm zu. Hinter den tiefverschneiten Bäumen erschien ein Gehöft, aus dem nun zwei Schäferhunde sprangen. Sie hetzten durch den stiebenden Schnee und umkläfften den Fremden, worauf aus dem Haus ein alter Mann trat und den Tieren Halt gebot. Er trottete heran: Was machense hier?

Ich suche das Buchenwald-Mahnmal.

Hier nich'. Nächster Weg.

Danke schön. Auf Wiedersehen!

Grußlos schlurfte er zum Haus zurück, die Hunde im Schlepp.

Das Mahnmal Buchenwald. Massenfriedhof, Tempelhain, Wallfahrtsort des deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staats. Kaum ein DDR-Geborener, der nie hier gestanden hätte, am Südhang des Ettersbergs, unter dem Glockenturm und der Häftlingsgruppe von Fritz Cremer, deren Leid- und Trutzgesichter jeder kannte: den Fallenden, den Schwörer, das hungerkopfige Kind, über dessen Bronzeknöchel heute eine Lötnaht läuft: Im Sommer 1998 versuchte ein Weimarer Nazibengel, das Kind abzusägen. Es hatte, wußten wir als Kinder, dieses Kind gegeben. Ein versteckter Judenjunge war der hilflose Held in Bruno Apitz' Roman Nackt unter Wölfen, eines Hohenliedes auf die Solidarität der politischen Häftlinge von Buchenwald. Das Buch (schulische Pflichtlektüre) endete mit der legendären Selbstbefreiung des Lagers, die wir dann im Kino abermals erlebten (Pflichtbesuch). Kameraden! hallte es aus den Lautsprechern über den leeren Appellplatz, Kameraden, die Faschisten sind geflohen! Der Sieg ist unser! Wir sind frei! - Und dann stürzten die Gemarterten aus ihren Baracken und fluteten jubelnd dem Tore zu. "Kropinski hob das schreiende Bündel über sich, damit es nicht zerdrückt werde von der brodelnden Flut. Einer Nußschale gleich, schaukelte das Kind über den wogenden Köpfen. Im Gestau quirlte es durch die Enge des Tores, und dann riß es der Strom auf seinen befreiten Wellen dahin, der nicht mehr zu halten war."

Genauso mußte es gewesen sein. Und wir, Harzer Bauernkinder, sangen zwischen Aquarium und Leninbild: Dem Faschisten werden wir nicht weichen, schickt er auch die Kugeln hageldicht, und die Lehrerin dirigierte, und Achim Gürnth, der Sitzenbleiber, machte Faxen, und die blonde Angelika Reps lachte dir schelmäugig zu. Wir waren Antifaschisten. Die Nazis, lernten wir, hätten sich 1945 nach Westdeutschland verdrückt.