Karl der Große ist jetzt 28 Jahre alt. Er ist drogensüchtig und obdachlos. In der richtigen Stimmung erzählt er lustige Geschichten von früher; wie er mit dem kaiserlichen Privatjet in der Welt herumreiste zum Beispiel. Denn Charlemagne Bokassa, der Sohn des selbsternannten Kaisers von Zentralafrika, hat bessere Zeiten gekannt.

Ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP hat ihn neulich im Gare de Lyon ausfindig gemacht. Andere Pariser Obdachlose hatten ihm vom bettelnden Kaisersproß erzählt. Nach acht Tagen fand ihn der Fotograf. Dann wurde Charlemagne krank und mußte ins Spital. Seither ist er wieder untergetaucht irgendwo in Paris.

Ein bürgerliches Familienleben hat Prinz Charlemagne nie gekannt. Von seinen zahlreichen Brüdern und Schwestern - die Biographen sind sich nicht einig: Sind es 30, 54 oder mehr als 60? - weiß er nur wenig. Seine Mutter, so erzählte er neulich, lebe in Armut in Gabun. Und sein Bruder Jean-Yves sitze in einem Gefängnis südlich von Paris wegen Mittäterschaft bei einem Raubüberfall.

Siebenmal, so der offizielle Lebenslauf, war der Vater Jean-Bedel Bokassa verheiratet. 1996 starb er im Alter von 75 Jahren ganz friedlich zu Hause in Bangui. Vorher hatte Bokassa treu in der französischen Armee gedient, später sein Land gründlich ausgeplündert, eine peinliche Freundschaft mit der französischen Afrikalobby gepflegt, mittelbar zur Wahlniederlage Giscard d'Estaings beigetragen und schließlich unter gemütlichen Umständen sieben Jahre in einem zentralafrikanischen Militärgefängnis verbracht - seine Anwälte versorgten ihn dort mit Wein, Zeitungen und Musik.

In diesen Tagen hat der kamerunische Journalist Charles Onana in Paris eine ausführliche Biographie veröffentlicht, die gleichzeitig zu einem Sittengemälde der französisch-afrikanischen Sonderbeziehungen geraten ist. Er erinnert insbesondere an die seltsamen Umstände der Entmachtung Bokassas durch die französische Armee 1979 zu einem Zeitpunkt, zu dem Bokassa sich gerade in Libyen und viele Mitglieder seiner Familie in Paris aufhielten. Bokassa hat einen Teil seiner Exiljahre in Frankreich verbracht, wo ihm verschiedene Schlösser gehörten. Freiwillig und überraschend war Bokassa 1986 aus dem Exil nach Bangui zurückgekehrt. Kurz vor seinem Tod teilte er offiziell mit, er wolle 1999 wieder für das Präsidentenamt kandidieren.

Onana veröffentlicht im Anhang seiner Biographie Faksimiles von Bittbriefen Bokassas, in denen der "Kaiser" den französischen Staat immer wieder auf seine finanzielle Misere hinweist. Wieder und wieder klagt er, daß seine Rente als verdienter Offizier der französischen Armee seine einzige Einnahmequelle sei und er sie aus unerklärlichen Gründen schon seit Monaten nicht mehr bekommen habe. Er habe kein Geld, um seine 15 Kinder, die derzeit bei ihm lebten, zu kleiden oder ihnen etwas zu essen zu kaufen, schreibt er 1984 dem französischen Premierminister. In die Schule, das ist den Briefen am Rande zu entnehmen, gehen die Kinder nicht. Der Älteste dieses Kindertrosses war Charlemagne.

Bokassas Witwen und Waisen haben vom legendären Reichtum des Familienoberhaupts allesamt nichts abbekommen, geschweige denn übrigbehalten. Ein Sohn mit dem anspruchsvollen Vornamen St. Cyr starb 1996. Eine andere Tochter, Martine, wechselte den Familiennamen und lebt in Korsika. Die übrigen Geschwister - 52, so der Biograph - halten sich mehr schlecht als recht über Wasser, in Frankreich und der Schweiz, der Elfenbeinküste und in Zentralafrika.