Neidisch schauen die Manager der anderen Parteien heute oft auf die CSU. Sie erscheint trotz der Reibereien zwischen München und der Landesgruppe in Bonn und trotz mancher Flirts mit ganz rechts geradezu monolithisch. Und obwohl fast Zweidrittelmehrheiten wie zu Goppels Zeiten inzwischen etwas ferner gerückt sind, hat die Partei offenbar ein Abonnement auf die Macht. Mit demokratischem Gruseln untertitelte schon 1979 der Journalist Herbert Riehl-Heyse sein Buch über die CSU: "Die Partei, die das schöne Bayern erfunden hat." Wer diesen Aufstieg in den Gründungszeiten 1945 bis 1949 oder auch noch in der Ära Hans Erhard bis 1954 und in der folgenden Oppositionszeit bis 1957 vorausgesagt hätte, dem wäre mitleidiges Lächeln sicher gewesen.

Nicht die durchaus respektablen Wahlergebnisse hätten solche Prognose überkühn erscheinen lassen, sondern die inneren Konflikte der Neugründung, die mehrere Spagate gleichzeitig zu vollbringen hatte: zwischen Traditionalisten, die nur die katholische Bayerische Volkspartei (BVP) wiederbeleben wollten, und Progressiven, die sich von deren Versagen und Versagern befreien und eine interkonfessionellen Neuanfang wagen wollten; zwischen Partikularisten, die am liebsten Bayern ganz vom restlichen Deut schland abgekoppelt hätten, Föderalisten, die den deutschen Bundesstaat erneuern und stärken wollten, und Zentralisten, die nur einen Landesverband der gesamtdeutschen Union im Auge hatten.

Wie widrig das Gelände war, hat jetzt der junge Historiker Thomas Schlemmer untersucht. Heute käme niemand mehr darauf, eine konfessionell gebundene Partei zu gründen. Gleich nach dem Krieg aber war ein Anknüpfen an den politischen Katholizismus der Vor-NS-Zeit naheliegend. Zum einen ist Bayern ein überwiegend katholisches Land, zum anderen gab es die BVP-Tradition und viele ihrer Träger noch, die ihre Fehler von vor 1933 gern wieder als Stärken ausgeben wollten.

Vom "Ochsensepp" zu "Old Schwurhand"

Wie schwer sie von einer konfessionell-kulturellen Öffnung zu überzeugen waren, belegte der Fall Schäffer. Den einstigen BVP-Vorsitzenden hatte die amerikanische Militärregierung zum ersten Ministerpräsidenten des einzigen nahezu unverändert erhalten gebliebenen deutschen Landes berufen. Am 28. September 1949 aber entließ sie ihn wieder wegen früherer brauner Sympathien, und im April 1946 erteilte sie ihm sogar Politik-Verbot. Daß der Betroffene sich uneinsichtig zeigte, mag man noch verstehen. Daß die Zustimmung zu Hitlers Ermächtigungsgesetz durch seine Partei als erzwungen verniedlicht wurde, war gängige Methode auch in anderen Parteien. Doch daß ein Aufschrei der Empörung auch von Parteifreunden kam, die schwer unter dem NS-Regime gelitten hatten, zeigte, wie wenig das ganze Ausmaß des moralischen Zusammenbruchs ins Bewußtsein gedrungen war.

Natürlich war die CSU-Gründung geprägt vom Schock, dem der Niederlage und der Erkenntnis, in welches Desaster die Obstruktion gegen die Republik von Weimar geführt hatte. Dieser Schock half wesentlich bei der Überwindung des Trennenden, das sonst den christlich-sozialen Neubeginn binnen Kürze zum Scheitern gebracht hätte. Oft genug stand man kurz davor: als nach der Währungsreform 1948 die Pleite drohte und mit der Bayernpartei (BP) ein gefährlicher Konkurrent antrat, als 1949 die Ablehnung des Grundgesetzes die Spaltung heraufbeschwor, als im gleichen Jahr mit dem Sturz des ersten Parteichefs, des legendären "Ochsensepp" Müller, der liberale Flügel zu lahmen begann und die Protestanten sich von Fundamentalisten wie Hundhammer ausgegrenzt fühlten, und ein letztes Mal, als 1954 trotz 38 Prozent der Wählerstimm en der Absturz in die Opposition folgte (SPD-Chef Hoegner hatte eine für unmöglich gehaltene Viererkoalition mit BHE, BP und FDP gezimmert).

Es blieb beim Beinahe, und man merkt dieser Studie an, daß der Autor das Staunen darüber nicht ganz zu unterdrücken vermag. Wesentliches Element der Darstellung sind Porträts der Führungsfiguren, die ganz lebendig werden: der "Ochsensepp" etwa, in seiner hintergründigen Mischung aus Sturheit und taktischer Finesse, oder Schäffer, der später bewunderte Herr des Juliusturms, als Protestantenschreck mit religiösem Sendungsbewußtsein, oder Hundhammer, als "schwarzer Alois" und "bayerischer Großinquisitor". Hier lohnt besonders das Studium der zuweilen uferlosen Fußnoten, in denen einige der besten Zitate versteckt sind.