Die CDU in Nordrhein-Westfalen hat Glück. Mit Christa Thoben gehört ihr eine temperamentvolle Politikerin an, die Lust auf die Partei macht und obendrein bereit ist, für den Landesvorsitz zu kandidieren. Weiß die CDU ihr Glück zu würdigen? Da sind Zweifel angebracht. So wie sie nach 33 Oppositionsjahren gestrickt ist, alt, müde und bequem, wird sie ihre Chance wohl in den Wind schlagen, denn es gibt auch noch zwei Männer, die kandidieren wollen - beide vom alten Schlag, beide ohne Fortüne, aber für die Partei auch ohne Risiko: der eine Jürgen Rüttgers, Helmut Kohls ehemaliger Zukunftsminister, der auf der Suche nach einem neuen Chefsessel ist; der andere Helmut Linssen, Fraktionsvorsitzender der CDU im Düsseldorfer Landtag, der eigentlich erwartet hatt e, daß ihm der Landesvorsitz als Lohn für neun Jahre Kärrnerarbeit wie von selbst in den Schoß fällt.

Alle drei tingeln derzeit gemeinsam durch die Parteibezirke und singen der Basis ihr Lied von der Zukunft. Der Refrain lautet bei allen dreien gleich: "Wir bringen Bewegung ins Land." Am Monatsende sollen die Delegierten den Wettbewerb entscheiden. Das Interesse ist überraschend groß. Am vergangenen Samstag strömten in Recklinghausen 600 Sympathisanten, meist ältere Semester, aus dem Ruhrgebiet zusammen, kämpften im Bürgerhaus um die letzten Plastikstühle, stürzten sich auf die "Bütterken", die der Bezirk als Nervenstärkung spendiert hatte, und waren dann fast drei Stunden ganz Auge und Ohr. Wem werden sie ihre Stimme geben? Zum ersten Mal in der Geschichte der NRW-CDU einer Frau? Oder wie eh und je einem Mann?

Für jeden im Saal war spürbar, daß Christa Thoben die Konkurrenz der beiden Männer störte. Sie fiel schon deswegen auf, weil sie fröhlicher wirkte und ein Lachen hat, das ansteckend ist. Ihrem Auftreten ist anzumerken, daß sie in jeder Hinsicht unabhängig ist. Wenn sie wollte, könnte sie ihre Tage auf dem Golfplatz verbringen. Aber viel lieber würde sie ihre Partei modernisieren. "Nach 30 Jahren in der Opposition ist mit ,weiter so' und ein bißchen Tagesgeschäft nicht weiterzukommen", sagt sie gerne. Von Haus aus ist sie Ökonomin - eine gute, sagen die Kenner. In der CDU wird sie schon seit vielen Jahren gehandelt, aber für eine glatte Politikerlaufbahn drehte sie zu große Schleifen. In der Partei entfachte sie einen Sturm der Entrüstung, als sie schon 1987 laut über eine Zusammenarbeit zwischen der CDU und den Grünen nachdachte. Mit Schwung zu debattieren, offen zu sein, Widersprüche auszuhalten, das hat sie bei Kurt Biedenkopf gelernt, der die intelligente und gebildete Frau in seinen Düsseldorfer Jahren in die politische Lehre nahm, durchaus nicht nur zu ihrem Vorteil in der Partei. Damals war Biedenkopf schon längst in Verruf geraten. 1990 wurde Frau Thoben zur Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer in Münster gewählt, die erste Frau nach 300 Jahren. Über 90 Prozent der Männer hätten sie damals gewählt, sagte sie am Samstag, "mehr brauche ich auf dem Landesparteitag auch nicht". 1994 avancierte sie zur Staatssekretärin im Bonner Bauministerium und machte sich einen Namen als erfolgreiche Organisatorin des Regierungsumzugs nach Bonn. Nun möchte sie ihrer Partei beibringen, wie sie wieder "ran an die Wirklichkeit" kommt.

Es ist schon erstaunlich, zu wieviel neuen Einsichten eine verlorene Wahl verhelfen kann. Auch Jürgen Rüttgers und Helmut Linssen wollen die Partei modernisieren. Rüttgers wirbelt besonders mächtig und findet alle Vorstellungen "spannend", mit denen er seine eigene Klientel beeindrucken kann. Dabei stellt er sich als Mitglied der CDU-Champions-League dar, zu der er außer sich selbst noch Biedenkopf, Stoiber und Rühe zählt. Ob sich die Basis nach der grandios verlorenen Bundestagswahl von diesem Imponiergehabe noch beeindrucken läßt? Als Forschungsminister hat er die Erwartungen, die in ihn gesetzt wurden, jedenfalls nicht erfüllt.

Bleibt Helmut Linssen. Jeder kennt den Mann, beliebt ist er nicht, aber er hat seine undankbare Pflicht getan. Viel Profil hat er dabei allerdings nicht gewinnen können. Aber wird das überhaupt gewünscht? Den Fragen der Mitglieder war darüber am Samstag nichts zu entnehmen. So bleibt nur zu konstatieren: Die CDU in Nordrhein-Westfalen hat Glück mit Christa Thoben. Aber Glück allein reicht nicht, man muß es auch begreifen.