Ein Mann ist HIV-positiv. Auf einer Reise muß er sich in einem Bordell infiziert haben, weshalb seine Frau nichts erfahren soll. Auch wenn ihm seine Ärztin noch so verzweifelt vorhält, wie leicht er sie anstecken kann: Der Mann bleibt stur. Auch Kondome will er nicht benutzen. Das würde nur Mißtrauen wecken, die Ehe sei gerade aus einer Krise heraus. Die Ärztin kennt die Ehefrau, auch sie ist ihre Patientin. Was tun? Ein Problem, bei dem der Ärztin ihre Ausbildung nicht hilft.

Seminar "Einführung in die medizinische Ethik" der Tübinger Universität. Dreizehn Medizinstudenten und zwei Assistenten zusammengepfercht in einem engen Raum. Professor Urban Wiesing, der den Fall vorgestellt hat, fixiert die Runde. Die Studenten weichen seinem Blick aus. "Wie hoch ist das Ansteckungsrisiko?" Schweigen. "Im zweistelligen Prozentbereich", sagt Wiesing. Nun platzt Katja Tschositsch aus dem zehnten Semester heraus: "Ich glaube, der Patient hat einfach nicht verstanden, was Aids ist." Doch, das hat er, er wurde aufgeklärt. Wiesing schiebt ein bißchen Provokation nach: "Muß ein ziemlicher Schuft sein."

Das Seminar ist eine freiwillige Veranstaltung, der Professor eine Rarität: Der 39 Jahre alte Urban Wiesing sitzt seit einem Jahr auf dem einzigen Lehrstuhl für Ethik in der Medizin in Deutschland. Die Studenten sind angetan. "Man kann eine andere Art des Denkens schulen", sagt die 25 Jahre alte Medizinstudentin Astrid Broos. Wo oft nur die Krankheit gesehen werde, gerate der Mensch in den Blick. Doch Ethik in der Medizin, anderswo seit langem institutionalisiert, hat in Deutschland keine Heimat. Hiesige Mediziner können sich durch das Studium pauken, ohne über die Moralfragen ihres späteren Berufs zu diskutieren. Und nur eine engagierte Minderheit besucht freiwillige Kurse zur Ethik.

Das könnte anders werden. Der Besuch eines Seminars zu Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin soll Pflicht werden, wenn vermutlich in den nächsten Monaten die neue Ausbildungsverordnung für Ärzte in Kraft tritt. Apparatemedizin, Gentechnik, Sterbehilfe, Organspenden erregen die Öffentlichkeit und bereiten Pflegern, Angehörigen und Ärzten schwere Konflikte. Helfen da Universitätsseminare, oder sind sie Feigenblätter, um eine lästige Debatte abzuwehren?

Und wie unterrichtet man Moral? Fallbeispiele seien für Anfänger der ideale Einstieg, sagt Urban Wiesing. In seinem Seminar geht es an diesem Tag um die ärztliche Schweigepflicht. Verbietet sie, daß die Ärztin die Ehefrau des HIV-Patienten warnt? Die jungen Frauen und Männer reden sich in Rage. Muß man einen Patienten, der sich so übel verhält, überhaupt annehmen? "Du kannst nicht sagen, dessen Nase gefällt mir - den behandle ich, dessen Nase nicht - den behandle ich nicht", sagt einer. "Es geht aber nicht um die Nase", beharrt ein anderer. Schließlich bringt Katja Tschositsch die Stimmung auf den Punkt. Sie sagt: "Wenn die Frau tot ist, dann ist die Ehe auch vorbei." Alle müssen lachen. In der Empörung über den Mann geht das Thema Schweigepflicht fast unter. "Sie sind so auf seiten der Frau, daß Sie gar kein Problem erkennen wollen", sagt Wiesing.

Wie eigene Emotionen den Umgang mit Konflikten beeinflussen - auch das soll das Beispiel zeigen. Nicht die medienträchtigen Ereignisse sind Thema des Seminars. Typische Probleme, die Ärzten alltäglich in ihrer Praxis begegnen, sollen besprochen werden. Möglichst an Fällen, die die Studenten aus ihrem eigenen Alltag kennen. Der HIV-Fall fällt eher aus dem Rahmen. Aber er weckt die Neugierde der Studenten: Wie genau ist die Schweigepflicht eigentlich formuliert? Berufsordnung, Paragraph 9; eine Studentin liest vor: Die Schweigepflicht reiche "auch über den Tod der Patientinnen und Patienten hinaus". - "Ziemlich lange Zeit", kommentiert Katja Tschositsch, und Urban Wiesing grinst. Aber warum eigentlich? Wiesing beugt sich schwungvoll über den Tisch: "Nach dem Tod können Sie jemandem nicht mehr schaden. Der ist ja nun tot." Aber andernfalls würde auch das Vertrauen zu Lebzeiten erschüttert, findet die Runde. Eine ganz zentrale Pflicht, soviel ist allen klar. "Zweieinhalb Jahrtausende alt", sagt Wiesing; steht schon im hippokratischen Eid.

Darf ein Arzt die Schweigepflicht brechen, um Leben zu schützen?