Im Kampf um den Fortbestand ihres Steuerprivilegs zieht die Duty-free-Branche gegenwärtig die letzten Register: Mit weit über 100 Entlassungen und noch mehr Kündigungen zum 30. Juni versuchen Fährreedereien vor allem auf der Ostsee, ihren Druck auf die Europäische Union zu verstärken. Allein das größte deutsche Unternehmen in der Ausflugsschiffahrt, die Flensburger Förde-Reederei, will 386 Beschäftigte entlassen und den Großteil ihrer 30 Schiffe stillegen, wenn zur Jahresmitte der steuerbegünstigte Warenverkauf innerhalb der EU endet. Geschäftsführer Günther Becker erwartet nämlich, daß "drei Viertel Prozent unseres Geschäftsvolumens wegfallen".

Bereits Ende Dezember stellte die traditionsreiche Fähre, die seit Jahrzehnten täglich zwischen Kiel und der dänischen Insel Langeland pendelte, den Betrieb ein und wurde nach Kroatien verkauft. 150 Menschen verloren ihren Job. Auch die beiden großen Fährlinien im Skandinavien-Verkehr, die schwedische Stena Line und die deutsch-dänische Scandlines, die beispielsweise auf der Vogelfluglinie verkehrt, wollen ein Drittel ihres Bordpersonals entlassen.

Daß Beschäftigte, Butterfahrer und Betreiber der äußerst lukrativen Duty-free-Shops auf Fähren, Ausflugsschiffen und Flughäfen allerdings neue Hoffnung schöpfen, liegt an der populistischen Kehrtwendung mehrerer Staatsund Regierungschefs, darunter Bundeskanzler Gerhard Schröder, beim Wiener EU-Gipfel Mitte Dezember. Auf Initiative Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens wurden die EU-Kommission und die Finanzministerkonferenz aufgefordert, "bis März die Probleme zu erörtern, die sich auf dem Arbeitsmarkt ergeben - einschließlich einer möglichen befristeten Verlängerung der jetzigen Regelung".

Bundeskanzler Schröder befürwortete Anfang Januar erneut eine Verlängerung von Duty free, obwohl der einstimmige EU-Beschluß von 1991 mit der langen Übergangszeit bis 1999 als wichtige Maßnahme zur Harmonisierung des Binnenmarktes angesehen wurde. Bislang entgehen den Finanzministern jährlich rund vier Milliarden Mark an Verbrauchssteuern.

Mit dem SPD-Regierungschef als mächtigem Verbündeten hofft der Deutsche Duty Free Verband darauf, daß es, so Geschäftsführer Christian Breitzke, "in drei Monaten" aus Brüssel grünes Licht für eine Verlängerung über den 30. Juni hinaus geben werde. Der Lobbyist erwartet sogar eine neue großzügige Übergangsfrist von "weiteren fünf Jahren bis 2004".

Davon kann jedoch nach Einschätzung von politischen Beobachtern in Bonn und Brüssel keine Rede sein. Die 15 EU-Mitglieder könnten ihren ordnungs- und steuerpolitisch plausiblen Beschluß von 1991 nämlich nur einstimmig kippen. Dänemark, die Niederlande und auch die EU-Kommission selbst aber wehren sich massiv gegen die kuriose Kehrtwende.

Das höchste der Gefühle für eingefleischte Duty-free-Fans wäre wohl ein Vorschlag des niederländischen Ministerpräsidenten Wim Kok: eine um sechs Monate verlängerte Gnadenfrist bis zum Jahresende.