Es rührt sich nichts an den Rändern. Nur ein leises, arhythmisches, sehr hohes Pfeifen ist zu hören. Das Geräusch zeigt an, daß Dieter Röpke tatsächlich durch jene von Chirurgenhand geschaffene Öffnung dort an seinem Hals atmet. Die kalte Winterluft hat nur wenige Zentimeter zu überwinden, und schon ist sie tief in den Lungen angekommen. Fängt man sich so nicht furchtbar schnell etwas ein? Bronchitis? Lungenentzündung?

Die Öffnung ist jedenfalls erschreckend nah an den unteren Atemwegen, deutlich unterhalb der Stelle, wo normalerweise der Kehlkopf sitzt. Gut verheilte Narben ziehen sich links und rechts der Öffnung den Hals hinauf. Dort, wo Kinn und Kehlkopf einmal ineinander übergingen, ist die Haut in einem Winkel von 90 Grad straff abgenäht.

"Ich laufe jedenfalls keine Gefahr, ein Doppelkinn zu bekommen", scherzt Dieter Röpke. An Humor mangelt es dem 62jährigen nicht. Mit seinem Handikap geht er selbstbewußt und offensiv um. "Wir Behinderte haben eine Aufgabe: Wir müssen den anderen die Angst vor uns nehmen." Daß sich manche Leute zunächst irritiert umwenden, wenn sie seine gut trainierte, gleichwohl fremdartige Stimme zum erstenmal hören, kann er gut verstehen.

Am einfachsten machen es ihm meist die Kinder: "Was hast du denn für eine komische Stimme?" fragen sie, wenn sie sich gegenüber dem Ungewohnten ein Herz gefaßt haben.

Da ihm wie den allermeisten Kehlkopfkrebspatienten bei der Operation 1980 auch die Stimmbänder entfernt werden mußten, kann Dieter Röpke heute aus eigener Kraft nur noch mit seiner "Speiseröhrenstimme" sprechen. Silbe für Silbe preßt er die Luft vom Mund Richtung Magen und läßt sie wieder aufsteigen. Dabei wird ein Ringmuskel in der Speiseröhre in Schwingung versetzt - ein tiefer Ton entsteht, als würde er leicht aufstoßen. Den Ton gilt es zu modulieren, was ihm nach der Operation eine Logopädin beigebracht hat.

"Das klingt anstrengend, ist es aber nicht. Heute hat sich der Vorgang längst automatisiert. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich das machche", sagt Röpke in jenem gemächlichen Tempo, das für Kehlkopflose typisch ist, mit einer kleinen Pause nach jeder Silbe, während der leise quietschende Atem durch die Öffnung am Hals seinem eigenen Rhythmus folgt.

Von Zeit zu Zeit, er weiß auch nicht genau, warum, überkommt Dieter Röpke die Lust, seine Mitmenschen zu foppen. "Das passiert meist in öffentlichen Diskussionen. Ich stelle mich dann ganz hinten im Saal auf und merke, wie mich dieses Bedürfnis überfällt. Ich warte ungeduldig auf meine Chance. Und wenn ich dann am Zuge bin und das Wort erhebe, dreht sich die ganze Versammlung abrupt um, und ich habe mein Ziel erreicht. Es geht gar nicht um das, was ich sage, es geht darum, daß ich mit einem Schlage die Aufmerksamkeit aller auf mich ziehe. Das ist für mich ein Test. Vielleicht tue ich es aus Selbstschutz. Ich glaube, ich ziehe Stärke aus diesen Situationen."