Die wahren Elvis-Fans wußten es schon immer: Der King lebt. In den 20 Jahren, die seit seinem offiziellen Tod vergangen sind, wurde der König des Rock 'n' Roll beim Zigarettenkauf an diversen Tankstellen in und um Memphis gesichtet. Angeblich tauchte er dann und wann in einer der schummrigen Bars der Stadt auf oder erschien seinen in Anbetung versunkenen Fans auf dem Gelände von Graceland. Immer wie aus dem Ei gepellt mit Glitter-Outfit und Pomadentolle - und immer nur für ein paar ganz kurze Augenblicke.

Lange hat es gedauert, bis der King sich endlich überwand und auf einen abendfüllenden Auftritt einließ. Um genau zu sein: bis vorletzte Woche. Keinen Country-Club in Memphis, keine Showbühne in Las Vegas, sondern das szenige Londoner Astoria hatte sich der King für sein Comeback ausgesucht. Kein Jailhouse Rock, kein Muß i denn ... stimmte seine Begleitkapelle The Questionnaires zum Einstieg an, sondern eigentümlich gegenwärtige Hits wie Love Will Tear Us Apart und Whole Lotta Rosie.

Des Rätsels Lösung: Auf die Bühne trat durch orkanartigen Beifall und Nebelschwaden Jim Brown, ein 33jähriger ehemaliger Postbote aus Belfast, seinen Fans und seinen Feinden nur bekannt als The King.

Jim Brown ist für die einen tatsächlich der Wiedergänger des Rock-'n'-Roll-Gottes, für die anderen ein Leichenfledderer. Auf seiner ersten Platte Gravelands (EMI) präsentiert The King ausschließlich das Material toter Heroen der Rockmusik - von Otis Redding und Marvin Gaye über Sid Vicious, Jimi Hendrix, Janis Joplin und Marc Bolan bis hin zu Bob Marley und Kurt Cobain. Und das alles im unverkennbaren Elvis-Stil und mit einer Stimmgewalt, die dem Original-King ein Räuspern abgenötigt hätte.

Im Vereinigten Königreich, wo jeden Tag eine neue Dance- und Gitarrenrock-Band als Durchbruch des Jahrzehnts gefeiert wird, ist The King absoluter Kult. "Guter Rock 'n' Roll bewegt nicht nur den Körper, sondern auch das Herz und die Seele" - solche Platitüden kann sich nur einer erlauben, der tatsächlich die Masse der musikverwöhnten Briten hinter sich weiß. Und nicht nur die. The Kings Version des Nirvana-Hits Come as You Are klettert derzeit von Schweden bis Australien an die Spitze der Charts. Soeben ist seine erste Welttournee angelaufen. Die meisten Konzerte sind innerhalb von Stunden ausverkauft.

Während die Tradition der Elvis-Imitatoren ansonsten nur peinliche Gestalten hervorgebracht hat, die mit Kunsthaarperücke und engem Polyester-Catsuit über Betriebsfeste tingeln, wo sie zum Halb-Playback die Knie biegen, sind bei Jim Brown nicht nur Haar und Stimme kratzfest. The King beherrscht die Kunst, sein Image gleichzeitig so doppeldeutig authentisch und rührend selbstvergessen über den Bühnenrand zu liefern, daß ihm selbst der zu zynischer Betrachtung neigende Zuschauer Ohr und Herz öffnet.

Brown trägt zu Geltolle und Halbgrinsen eine Lederkluft im Hein-Gericke-Stil, deren Hose trotz Bauchansatz ein wenig um die Hüften schlabbert, so daß The King zwischen seinen schwül-breitbeinigen Posen immer mal wieder am Bund zerren muß. Das goldene Glitzerjackett, sein Wechseldreß, könnte auch vom letzten Highstreet-Ausverkauf stammen. Keine rhinestones, keine Silberniete - Jim Brown überzeugt als gespielt-unprätentiöser Working Class Hero (seine Titelanleihe von John Lennon) der Neunziger, nicht als plattes Kitschrelikt der Siebziger. Bei allem Augenzwinkern hin zum weiblichen Publikum beweist Brown Talent und ernsthaftes Engagement in seinem Doppelgängerjob. Schließlich habe er ja eine Mission zu erfüllen, läßt Brown sein Publikum wissen.