Nur zehn Jahre ist es her, da mußten die Japaner ihre eigenen Eßstäbchen mit ins Lokal bringen. Denn es hieß, künftig dürften keine Bäume mehr gefällt werden, um auf diese Weise den Bedarf an Wegwerfstäbchen zu decken. Wir wissen nicht, ob diese Sitte heute noch gilt. Jedenfalls hat japanisches Essen inzwischen bei uns seine Freunde gefunden. Und wahrscheinlich hantieren derzeit mehr Deutsche mit Sushi-Stäbchen als mit Stricknadeln. In den Sushi-Bars umkreisen uns mobile Bänder mit allen möglichen Leckereien aus dem Land der aufgehenden Sonne: Maguro, Ika und Unagi, Shake, Toamako und Ebi. Und selbstverständlich liegen auf Wunsch auch Wegwerfstäbchen bereit.

Inständig hoffen wir nun, daß künftig hierzulande nicht auch eine Eßsitte Einzug hält, die sich die eiligen Söhne Nippons inzwischen ausgedacht haben. In Kürze nämlich eröffnet im Raum Tokyo das 177. Restaurant, das unter der Devise steht: Je schneller du ißt, um so weniger mußt du zahlen. Die Gerichte werden ausschließlich nach Sitzminuten berechnet, eine Minute zu 35 Yen.

Eine klare Aufforderung also an den Gast, im Tempo des vorrückenden Uhrzeigers gierig zu schlingen und zu schlucken, was in preisgünstiger Bestzeit in ihn hineingeht. Und genau das Gegenteil dessen, wofür Japans Eßkultur einmal bekannt war: das besonnene Genießen ausgesuchter, schön angerichteter Speisen, das meditativ-langsame Zelebrieren der traditionellen Teezeremonie.

Schon seltsam, daß die Japaner den Amerikanern zeigen müssen, was wirklich unter Fast food zu verstehen ist. Ein Vergnügen wird dieses Einwerfen von Reis und Nudeln jedoch nicht mehr sein, weder was den Genuß noch was die Ästhetik betrifft. Und wer mit kleinem Budget durch Japan reist, wird sich ranhalten müssen, sonst wird's teuer.

Daß keine Zeit mehr bleibt, miteinander zu reden bei diesem Kopf-an-Kopf-Futtern, ist klar. Aber es geht ja auch um Geld und nicht um Geselligkeit. Und wehe dem, der einen Gast mit dummen Fragen belästigt, die den Akkordesser kostbare Achtelsekunden kosten könnten. Ein solcher Tölpel wird vielleicht erleben, daß ein Japaner seine Eßstäbchen notfalls in gleicher Weise einzusetzen weiß wie ehemals ein Samurai sein Schwert.