Diese Frau ist schwierig. In der klassischen Viktimologie taucht sie als Typ nicht auf, denn nichts an ihr lädt dazu ein, ihr jene Schläge zu versetzen, deren Erwartung normalerweise Haltung, Gesicht und Stimme verraten. Nein, Venetia Aldridge ist kein Opfer (und doch wird sie eines werden), sie ist ganz einfach eine schwierige Frau: Selbstbewußt bis zur gänzlichen Unempfindlichkeit gegenüber anderer Leute Regungen oder gar Würde, aggressiv aus freiem Entschluß, dazu noch diszipliniert, ohne zwanghaft zu sein. Nicht einmal eine Neurose, die Mitleid wecken könnte; sie macht die Menschen frieren. Aber sie ist eine großartige Strafverteidigerin. Und, weil P. D. James es so will, nach 150 Seiten tot.

Ihre brillante Eröffnung des Romans Was gut und böse ist nutzt die englische Kriminalautorin zu einer Vorstellung möglicher Täter, und da kommen einige zusammen. Es ist interessant zu erfahren, wie viele Feinde eine Frau sich machen kann, die jeglicher Lieblichkeit enträt und so ehrgeizig und erfolgreich ist, wie es ihren männlichen Kollegen niemand übelnähme. Aber sie will nicht nur den Vorsitz der Gemeinschaftskanzlei (erstes Motiv), sie ist auch dagegen, daß ein durchaus pensionsreifer Bürovorsteher aus purer Menschenfreundlichkeit weiterbeschäftigt wird (zweites Motiv), sie läßt sich ferner nicht herbei, aus Gründen korrekter Quotierung die Einstellung einer weiblichen Kollegin zu befürworten (drittes Motiv). Sie erfährt zufällig von der Bestechung eines Kanzleikollegen und ist nicht sofort bereit, die Sache zu vergessen (Motiv vier). Und schließlich weigert sie sich, einen tumben Kleindealer zu vertreten, nur weil er der Bruder ihrer Sekretärin ist (Motiv fünf). Außerdem verteidigt sie des Mordes Angeklagte, auch wenn sie von deren Unschuld keineswegs überzeugt ist - eine professionelle, aber wenig sympathische Einstellung.

P. D. James hat, wieder einmal, einen Kriminalroman geschrieben, der zugleich eine Sittengeschichte ist. Das heutige London, hier vor allem das Milieu erfolgreicher Juristen und Politiker, ist sehr genau und mit dezenter Komik ausgeleuchtet. Da ist zum Beispiel ein junges Ehepaar, wohlhabend und mit Zwillingen gesegnet, das in ein nobles Haus in der besten Gegend zog, um sich gänzlich zu etablieren. Ein großes Wohnzimmer, erlesene Teppiche, ein Porzellanservice für 36 Personen, natürlich Personal - aber auch Schulden. Und abends finden sich die beiden, frustriert und streitlustig, an der eleganten Küchentheke wieder, um sich ein Schnellgericht aufzuwärmen, weil für große Gesellschaften Lust und Energie fehlen. Im Bett schließlich muß diskutiert werden, wer von beiden das nunmehr achte Au-pair-Mädchen in Folge entläßt. Die Sorgen beinahe gemachter Leute. Auch sie haben selbstverständlich ein Motiv.

Mit der Nüchternheit einer Reporterin, zugleich aber der Eleganz einer ausgezeichneten Autorin hält P. D. James die Frage des Who done it? bis zur vorletzten Seite offen. Das muß nicht das Wichtigste sein bei einem Kriminalroman, aber es zeigt, daß eine feine und doch solide Konstruktion mit präziser Beobachtung und differenzierter Psychologie in Balance gebracht werden kann bei dem, worum es schließlich geht: der Lösung eines Rätsels, das man unbedingt gelöst sehen will.

P. D. James: Was gut und böse ist Roman; aus dem Englischen von Christa E. Seibicke; Verlag Droemer, München 1999; 552 S., 39,90 DM