Schleswig-Holstein ist, wie es der CDU-Landesvorsitzende Peter Kurt Würzbach (scherzhaft: PKW) ausdrückt, ein agrarmäßig zwischen den Küsten gelegenes Land. Die Agrarmäßigkeit erschließt sich dem Reisenden besonders eindringlich auf jener feldwegmäßig anmutenden Straße, die von der Landeshauptstadt Kiel her über den Flecken Negernbötel nach Klein-Rönnau führt.

Dorthin, nach Klein-Rönnau, genauer: ins örtliche Gemeindezentrum hatte die Landes-CDU an einem verschneiten, stürmischen Abend der vergangenen Woche zu ihrem Neujahrsempfang geladen. Der Charme derartiger gesellschaftlicher Anlässe ist für gewöhnlich begrenzt; das gilt zumal für die Zusammenkünfte der schleswigholsteinischen Christdemokraten, die nach dem Sturz des Ministerpräsidenten Uwe Barschel vor zwölf Jahren zunächst in tiefe Depressionen verfallen waren, um sich in jüngerer Vergangenheit vollständig im Spiegelstrichdickicht kleinkarierter Oppositionsarbeit zu verheddern.

Doch auf einmal ist alles anders; denn jetzt kommt Volker Rühe. Zu Klein-Rönnau (CDU-Wähler-Anteil: 80 Prozent) eröffnete der stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende und ehemalige Verteidigungsminister seinen Feldzug durch Schleswig-Holstein. Der soll ihn in der Winteroffensive des kommenden Jahres an die Regierung in Kiel und die gerupfte Bundespartei auf den Rückweg zur Macht bringen.

Der Kandidat will Rot-Grün in einem Haps verschlingen

Unter den Parteifreunden herrschte im Lichte dieser Hoffnung eine aufgeräumte Stimmung; den neuen Spitzenkandidaten begrüßte man mit heftigem Stakkato-Klatschen. Wind und Wetter und Wogen werde die CDU mit ihm widerstehen, sagte Würzbach in seiner Begrüßungsrede.

Rühe trat dann vor und versprach, "mit dem Geist von Klein-Rönnau" für den Sieg zu kämpfen. Danach stieg er von der kleinen Bühne in den "Raum voller Freunde" hinunter und schüttelte Hände - ein wichtiger Moment für viele künftige Gefolgsleute, der Augenblick, der ihnen im Gedächtnis bleiben wird: Als ich Volker Rühe kennenlernte.

Anschließend begab sich der Hoffnungsträger an ein längsseits des Turnsaales aufgebautes Büfett und nahm einige Wurstschnittchen im ganzen zu sich. Seine Hast war vermutlich nur dem terminplanbedingten Hunger geschuldet, taugt aber auch zum Symbol: Allzugut kann man sich vorstellen, wie der mehr als ein Meter neunzig große, durchaus zu wolfsartigem Auftreten fähige Rühe die zartere Ministerpräsidentin Heide Simonis mitsamt ihren rot-grünen Geißlein in einem Haps zu verschlingen sucht. Bei den Landtagswahlen 1996 betrug der Vorsprung der SPD vor der CDU 2,6 Prozent; die FDP (1996: 5,7) hat bereits eine Koalitionsaussage zugunsten des Wolfes gemacht.