Jeder literarischen Wertung geht eine andere voraus: Neigung, Geschmack, Sympathie. Solche Vor-Urteile sind nicht bloß unvermeidlich, sie sind legitim, weil sie das begründete Urteil erst ermöglichen. So sage ich also gleich, daß mir der Autor dieses Romans unsympathisch ist (nicht, wohlgemerkt, der Mensch William Gaddis, dem ich nie begegnet bin). Der Autor dieses Romans, Baumeister eines babylonischen Doms, macht den Leser zum Opfer einer gigantischen Bescheidwisserei.

Wie der Kritiker der SZ beifällig bemerkte, ist der Roman "gespickt mit Figuren und Zitaten aus Mythologie, Geheimlehren, Kirchenvätern, Dichtern, aus mittelalterlicher und neuerer Theologie und Seelenkunde bis hin zu Carl Gustav Jung". Auch mag es ja sein, "daß dieses so umfang- und inhaltsreiche wie sprachlich dichte Erstlingswerk die ganze abendländische Religionsgeschichte verhandelt", wie die Kritikerin der NZZ begeistert schrieb. Aber ich ziehe es vor, wenn ein Autor manches für sich behält und nicht partout alles, was er zusammengelesen hat, ausbreitet; wenn er nicht alles, was er im Kopf hat, aufs Papier stülpt. Ich halte das für indiskret.

Zwar kann Gaddis nichts dafür, daß gleichzeitig mit seinem 1250 Seiten umfassenden Roman ein 300seitiger Romanführer erschienen ist, aber mißtrauisch macht einen das schon. Lieber lese ich Romane mit unbeschränkter Zulassung, die nur meine Seele wollen und nicht mein Abiturszeugnis auch noch. Natürlich gibt es Leser, die sich gern in die Absonderlichkeiten eines Dunkelmeisters vertiefen, pendelnd zwischen der Encyclopædia Britannica und dem Lexikon des Aberglaubens. Ich zähle mich nicht dazu.

Wenn ich Gaddis lese, sehe ich den Typus des querulatorischen, verschwörungstheoretisch erregten Autodidakten vor mir, der es einer unwissenden Welt endlich mal richtig zeigen will. Nun lasse ich mich gern auch von einem Roman belehren, wenn er denn nur bescheiden und ergriffen vom Elend der Menschen sein Bestes versucht. Selten habe ich einen Roman gelesen, der so wichtigtuerisch, klugscheißerisch daherkommt. Daß er ohne Poesie ist, mag verzeihlich sein; daß er vollkommen ohne Humor ist, nenne ich unverzeihlich.

Und wofür der Aufwand? Daß die Menschenwelt eine Fälschung ist, daß wir alle ein Opfer unserer Gefallsucht sind und daß kaum etwas und kaum jemand das ist, was er oder es scheint - das hat in gebotener Kürze Robert Gernhardt so gefaßt: "Es gibt kein wahres Leben im valschen." Und auch er war nicht der erste, der das begriff.

Schauen wir auf den Text. Beeindruckend ist der Reichtum der Formen, und natürlich wäre es absurd zu behaupten, Gaddis könne nicht schreiben. Der dritte Teil zum Beispiel (immerhin Seite 950) beginnt in einer südamerikanischen Hafenstadt, wohin der unglückselige Otto mit seinem Falschgeld geflüchtet ist, und er schildert die morbide Szenerie so entspannt und plastisch, als könnte jetzt eine starke Räuberpistole starten. Dann die kunsttheoretischen Diskurse zwischen dem Maler Wyatt und seinem Interpreten Basil - auch hier gibt es Höhepunkte sinistrer, zugleich erhellender Spannung. Und das groteske Partygeschwafel, dessen literarische Kunstform Gaddis später in seinem Roman Letzte Instanz bis zum Exzeß entwickelt hat: Schon hier ist es nicht ohne Reiz und vor allem nicht ohne Wahrheit.

Nur, das geht über Hunderte von Seiten, tödlich erschöpfend. Gaddis kann einfach den Rand nicht halten. Und er vergnügt sich pausenlos an flauen Witzen wie: "Mein Mann ist immer noch in Paris. Schreibt, er hätte gerade einen von diesen entzückenden Renaults gekauft." - " Ach, tatsächlich? Ein Original?" Oder (50 Seiten später, immer noch dieselbe Party): "Also, wenn es auf der Welt irgendeinen Ort gibt, wo ich gerne leben würde, dann Siena. Der einzige Nachteil ist, daß mein Therapeut hier in New York sitzt." - "Klar ist Sappho ein Begriff. War der nicht auch schwul?"