In empfindsameren Zeiten wurden die schlimmsten Kalauer mit einer Mischung von Lachen, Winseln und Wehgeschrei begrüßt. Überdies war der Schuldige angehalten, wenigstens eine halbe Mark in die Festkasse zu zahlen. Heute würde mancher Kollege an jener Strafordnung rasch verarmen, und Elfriede Jelinek, die in dieser Art japsender Wortwitzelei die Erfüllung ihrer Sprachkunst zu erblicken scheint, wäre nach einem Buch und zwei Stücken die Preisgelder wieder los, die ihr Jahr um Jahr aufgedrängt werden.

Der Kalauer, einst als pubertäre Entgleisung des Geistes nur mit Anflügen verlegener Scham präsentiert, hat längst die seriösesten und gediegensten Gazetten erobert. "Pina Bausch und Bogen", las man mit Wehmut in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Eine Musik-Kritik im selben Blatt sorgte dafür, daß der "Fidelio"-Kerker zum "fidelen Gefängnis" à la "Fledermaus" mutierte, während eine verehrte Kollegin von der ZEIT keinen Anstand nahm, besagte "Fledermaus" zur "Fleddermaus" degenerieren zu lassen. In einem putzmunteren Feuilleton über Castorf, Schlingensief und Genossen stellte sie die Recken des Regietheaters als fürchtenswerte "Krawallerie" und als "Demolière-Truppe" bloß. Recht hatte sie. Und wer sollte der Süddeutschen Zeitung widersprechen, die in einer Anmerkung zu John Fuegis Biographie bekannte: "Was Brecht ist, muß Brecht bleiben", sekundiert von der 3sat-Redaktion, die ihren Zuschauern eine Sendereihe Alles was Brecht ist offerierte.

Die Technik des Witzes ist deutlich genug: Es gilt, eine gängige Redewendung in einer überraschenden Volte und manchmal auf Biegen und Brechen zu variieren. Was diese Kleinkunst, sofern es eine ist, mit Calau zu schaffen hat, einem gemütlichmelancholischen Städtchen am Rande des Spreewaldes, steht dahin. Man sagt, ein Redakteur des Berliner Satire-Blattes Kladderadatsch habe die Kaschemmen und die Spinnstuben des Nestes für die übelsten Scherze, die er auftischte, verantwortlich gemacht. Vielleicht verhielt es sich, wie die Legende sagt: In der preußischen Hauptstadt schien - im Jahre 1858 - der windige Begriff kreiert worden zu sein, hergeleitet nicht nur von Calau, sondern zugleich vom französischen calambour. Ein klassisches Beispiel ist allerdings zehn Jahre älter: Varnhagen von Enses spöttischer Hinweis auf die "Reichs-Verwesung".

Die welsche Herkunft verrät nichts von der glucksenden Peinlichkeit, die uns überkommt, wenn wir - wieder in der Süddeutschen - in einer Abhandlung über das Internet lesen: "Die Gedanken sind Brei." Im nämlichen Blatt: "Weniger ist Khmer." Und schlimmer (in einem Gruß zum neunzigsten Geburtstag von Albrecht Goes): "Anything Goes." Solches Allotria entspricht offensichtlich einer Grundstimmung des tückischen Münchner Neo-Biedermeier: "Wer den Wal hat, hat die Qual" - "Die Gedanken sind Blei" - "Der neue Klotz am Rhein" - "Der Widerspenstigen Lähmung".

Die krönende Formel, mit der wir uns verabschieden, ein Tränchen heiteren Schmerzes im Auge: "Am deutschen Tresen soll die Welt genesen." Dafür gab man früher einen aus.