Die Zeiten, da Kinder sich Geschichten wünschten, sind glücklicherweise noch nicht vorüber. An Lesestoff mangelt es nicht: unendlich viele Geschichten, die darauf warten, (vor)gelesen zu werden. Was veranlaßt nun Verleger, sie aus den Buchdeckeln herauszutrennen, um sie dann als CD-ROM anzubieten? Es ist mehr als nur ein Tribut an das digitale Zeitalter, vielmehr steht hinter diesem Trend der Versuch, bekannten Kinderbüchern nicht nur ein neues Äußeres, sondern einen ganz andersartigen Charakter zu verleihen.

Im Gegensatz zu Verfilmungen sind die digitalen Produktionen nicht darum bemüht, die Geschichten in bewegten Bildern nachzuerzählen. Erzählen ist nicht ihr primärer Gegenstand. Im Mittelpunkt der Kinder-CD-ROM steht das Spiel, genauer, das Spiel mit der Geschichte. Eine neue multimediale Gattung entsteht, die Spielgeschichte.

Der Kleine Prinz, diese nun über 50 Jahre alte Geschichte von Antoine de Saint-Exupéry wurde in Frankreich von dem bekannten Multimediaautor Romain Victor-Pujebet (Lulu und Die Schneekönigin) multimedial bearbeitet. Erfreulich, daß die phantastische Welt des kleinen Prinzen mit leisen Tönen und ruhigen Bildern statt lärmendem Gedröhne und rasend schnellen Animationen auskommt. Untermalt von meditativen Klängen, gilt es, das Universum zu entdecken. Der Tivola-Verlag läßt weniger Geübte nicht allein im All. Ein sehr schön aufgemachtes Begleitheft weist den Weg, der sonst ein wenig mühsam erkundet werden müßte. Dennoch ist die CD eher für größere Kinder ab zehn gemacht. Ich fliege zum Planeten Saturn, zu der eigentlichen Geschichte. Dort lasse ich mich von einer Schwalbe zur einfühlsamen Leseart Ben Beckers tragen. Hin und wieder tritt aus dem Text eine Figur als bewegtes Bild heraus. Ein Flugzeug zieht seine Kreise, die Erde ihre Bahn. Mit einem Klick auf das Flugzeug kann ich den Lebenstraum vom Fliegen, die Biographie Antoine de Saint-Exupérys, nachvollziehen. Beim Klick auf die Erde zähme ich den Fuchs und erhalte zur Belohnung ein Geschenk, etwa ein geheimes Tagebuch. Die Zähmung ist allerdings - wie im wirklichen Leben - nicht einfach. In regelmäßigen Abständen erwartet er meinen pünktlichen Besuch. Wer zu spät kommt, den bestraft der Fuchs!

Begeisterung bei Jüngeren darf sich das Sams sicher sein. Mit Eine Woche voller Samstage von Paul Maar hat der Terzio-Verlag einen Kinder-Bestseller multimedial aufbereitet. Die CD-ROM ist sehr linear angelegt und eröffnet somit nur eingeschränkten Spielraum. Was bei Erwachsenen manchmal Enttäuschung hervorruft, spornt Kinder jedoch eher an. Die Woche findet nicht in biblischer Folge am Sonntag ihren Höhepunkt - der ist meist langweilig -, sondern am Samstag. Denn dann kommt das Sams, vorausgesetzt, die Tagesklickaufgaben wurden alle abgearbeitet: Schneehasen einfangen, Wolken wegschieben, Schreibtisch aufräumen oder Schlüssel suchen. Das Sams braucht zunächst Kleidung. Doch kein Anzug will passen. Sams bringt alles durch einen Atemzug zum Platzen. Nur ein Taucheranzug sitzt wie "angeflossen". Wieder zu Hause, hat Wahlpapa Taschenbier die blauen Wunschpunkte weggewünscht. Da hilft nur eins: suchen. Sind jedoch die 25 (!) blauen Suchpunkte wieder eingesammelt, darf der Spieleschrank geöffnet werden. Da tut sich zwar nichts Großartiges auf, aber ein Memory für ein oder zwei Spieler, das bei mehrfachem Spiel den Kartenbestand wechselt, Galgenmännchen, Schiebepuzzle sowie Bastelanleitungen und Kalenderblätter zum Ausmalen belohnen die kleinen Sams-Fans. Fazit: "Alle Kinder lieben - das Klicken und das Schieben" (O-Ton des Sams').

Keine Geschichten, sondern eher ein Schrottspielplatz für kleine und große Techniktüftler bietet die CD-ROM Autos bauen mit Willy Werkel, die aus der Geschichte Willy baut ein Auto (Johansson) entstanden ist. Hier kommt es darauf an, ein möglichst originelles Gefährt aus Schrotteilen zusammenzubauen.

Der Spieler muß sich Zubehör oder Sprit beschaffen, indem er diverse Aufträge ausführt. Um die Fahrzeuge mit der Maus über die Piste jagen zu können, braucht er Benzin. Je schneller, desto mehr Benzin wird verbrannt. Mit Rennreifen fährt es sich im Morast nicht gut. Um eine Schafherde zu vertreiben, benötigt man ein Hupe. Vielfältige reale Hindernisse und Probleme müssen "überspielt" werden. Aber auch die Kreativität wird belohnt: Auf einer Autoausstellung werden die pfiffigsten Autos prämiert. Wer die Maximalpunktzahl (fünf) erreicht, sollte sich überlegen, an dem Wettbewerb teilzunehmen, den Terzio gemeinsam mit BMW ausgeschrieben hat.

Die Willy-CD-ROM bietet dazu eine weitere Besonderheit. Monatlich erscheinen neue Teile, die aus dem Internet abgerufen und komfortabel in das Spiel integriert werden können. Eine Scheibe, die ganz in der Tradition des Findus steht. Kreativität und Problemlösung werden geschult. Manchmal auch die Frustrationstoleranz, denn leider erscheinen die Wege von der Werkstatt zum Schrottplatz und zurück recht lang, wie auch Willys Kommentare mitunter nerven. Dennoch: Was gibt es Schöneres, als etwas Selbstgebautes unmittelbar auszuprobieren? So werden Sechsjährige ihren Spaß nicht nur beim Montieren der Autos haben, sondern vor allem dann, wenn diese losrattern.