Flüstern wäre schon zu laut. Andächtig schleichen im Dezember 1970 die zur Aufführung zugelassenen 70 Zuschauer in die Sankt-Nicolai-Kirche in Berlin Spandau. Hier soll gleich Unerhörtes, Niegesehenes stattfinden. Zum erstenmal gastiert das Laboratorium-Theater des 1933 in Polen geborenen Jerzy Grotowski in Deutschland. 20 Jahre vor dem Ende des sich "real" nennenden Sozialismus - ein Eklat. Daß ein in katholischer Tradition aufgewachsener Pole sich dem staatlich verordneten "Sozialistischen Realismus" verweigert, mag ja noch hingehen, doch daß er "im Theater ein säkularisiertes Sakrum" zu schaffen versucht, macht ihn verdächtig. Weil Grotowski Devisen bringt, erlauben die Zensoren ein Gastspiel des Ungeliebten. Hoch über der Spielfläche sitzen die Zuschauer und sehen wie in einen anatomischen Zirkus hinab auf den Schauspieler-Athleten Ryszard Cicslak. Keine Requisiten, kein Kostüm außer dem Lendenschurz: So will Grotowski sein "armes Theater". Als der Widerstand staatlich gelenkter Schauspielkunst schwand, wurde auch sein von außereuropäischer Darstellungs-Manier geprägtes Theater hinfällig. Zuletzt lebte Grotowski vergessen in Italien, wo er am 14. Januar gestorben ist.