Jahrelang hat der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber alle Ambitionen auf den Vorsitz der CSU von sich gewiesen. Jetzt ist er am Ziel. Die Doppelspitze mit Parteichef Theo Waigel ist Vergangenheit. Ohnehin war es mit der Kooperation der beiden nicht weit her. Daß Konkurrenz und Mißgunst das Verhältnis der führenden CSU-Politiker bestimmten, hat Waigel jetzt auf seinem Abschiedsparteitag noch einmal zu Protokoll gegeben.

Daran wird man sich erinnern, wenn künftig Edmund Stoiber und Wolfgang Schäuble - die neue Doppelspitze der Union - ihre Harmonie bekunden. Denn das Ringen um die Vormachtstellung in der Union ist längst im Gang. Die Frage nach seinen bundespolitischen Interessen jedenfalls beantwortet Stoiber nicht mehr wie früher mit einem abwehrenden Lachen. Über den Kanzlerkandidaten werde in drei Jahren entschieden, sagt der neue CSU-Vorsitzende. Das klingt schon heute wie eine Bewerbung.

Und es verwundert ja nicht. Das Debakel der Union bei den Bundestagswahlen läßt Bayern erstrahlen. Der geschlagenen und desorientierten Partei verspricht das bayerische Erfolgsmodell Ausweg und Rettung. Die letzte Bastion eines dynamischen Konservativismus in Deutschland könnte als Keimzelle dienen, die Union bundesweit wiederzubeleben. So jedenfalls sieht es Edmund Stoiber. Und wem anders als ihm selbst wird beim Transfer der bayerischen Verhältnisse die tragende Rolle zufallen?

Vorsicht gehört nicht zu Stoibers herausragenden Eigenschaften. Ansonsten würde er den Rollenwechsel vom ehrgeizigen Regionalpolitiker zum Vorkämpfer der deutschen Konservativen etwas ruhiger angehen. Wer, wie er, Bayern für etwas ganz Besonderes hält, dem müßte eigentlich auch die Differenz zum Rest der Republik ins Auge springen. Daß die vielgepriesene Synthese von Tradition und Fortschritt wohl nicht einfach übertragbar ist, daß der augenzwinkernde Bierzelt-Populismus im Norden leicht für bare Münze genommen wird, das müßte Stoiber - das Kanzleramt im Blick - zu denken geben. Statt dessen arbeitet er verbissener denn je an seiner Rolle als Primus der deutschen Politik. Doch es ist gerade die mustergültige, rechthaberische und eifernde Art, die seiner bundesweiten Karriere im Wege steht.

Schon einmal ist mit Franz Josef Strauß ein unangefochtener Bayer im Bund kläglich gescheitert. Immerhin, an der Einheit der Union will auch Stoiber nicht rütteln. Trennungsversuche, wie seinerzeit in Kreuth, sind nicht mehr zu erwarten. Eher droht der Union heute die Einheit - zu den Bedingungen der CSU. Edmund Stoiber würde das gefallen. Und Wolfgang Schäuble macht keine Anstalten, ihm in die Parade zu fahren. Lieber lobt der CDU-Vorsitzende die bayerischen Verhältnisse und wirkt, als wolle er sich nach dem Abgang Kohls erneut als Nummer zwei postieren. Diesmal hinter Stoiber.

Vielleicht hat sich deshalb - ganz unbeeindruckt von bayerischen Fixierungen - Volker Rühe zu Wort gemeldet. Er wirbt für den Kompromißvorschlag bei der Staatsbürgerschaft, den die CSU seit Jahren erbittert bekämpft hat. Man darf das getrost als Beitrag zum unionsinternen Machtkampf werten. Dort, wo die CDU Verantwortung trägt - also überall außerhalb Bayerns -, müsse sie selbst ihren politischen Kurs bestimmen, fordert Rühe. Das geht an die Adresse beider Konkurrenten.

Stoiber, Schäuble, Rühe - die Diadochenkämpfe in der Union haben gerade erst begonnen. Wer von den dreien die Führung übernimmt - wenn überhaupt -, ist heute völlig offen. Auch in dieser Ungewißheit zeigt sich für die Union der Schrecken ihrer Niederlage.