Ein Bilderbuch, das die düsteren Seiten des Lebens aufschlägt. "Für Bob, der immer Hilfe braucht, und für Nicholas, der immer helfen möchte." Clark Taylors Widmung deutet bereits an, worum es geht: um den Kreislauf von Tätern und Opfern, von Gewinnern und Verlierern, von Herrschern und Beherrschten im Geschäft mit dem "weißen Stoff" - Das Haus, das Koka gebaut.

Wenn Bilderbücher das vertraute Terrain der kindgerechten Erzählung verlassen, kommen reflexhaft Zweifel an deren Legitimation auf. Sind Drogen ein Thema fürs Bilderbuch? Lassen sich die komplexen Zusammenhänge in 14 Bildern und wenigen Verszeilen veranschaulichen? Stößt das Genre hier, wie auch bei anderen Tabubereichen, nicht notwendigerweise an seine pädagogischen und ästhetischen Grenzen?

Autor und Illustratorin, beide aus New Orleans stammend, begegnen solchen Fragen mit einer bewußt künstlerischen Haltung, die jenseits der gediegenen Sachinformation und Aufklärungsarbeit angesiedelt ist. Sie wählen Verszeilen und Bildausschnitte, die Schlaglichter aufs Thema werfen, Zusammenhänge herstellen, aber sie nicht unbedingt erklären wollen.

Mit jeder Seite und jedem Bild wird eine neue Zeile dem bereits gedruckten Text angefügt. Jede neue Zeile trägt so die vorangegangenen mit, baut darauf auf, so daß am Ende des Buches der vollständige Abdruck steht. Mit dieser Form des langsam wachsenden Textes werden ineinandergreifende Handlungen und Beteiligte untrennbar verknüpft: Dealer und Abnehmer, Mütter und Kinder - diese als letztes, als schwächstes Glied der Kette.

"Das ist das Haus, das Koka gebaut." Eine prachtvolle Villa am Meer eröffnet die Bildreihe. Jede Zeile zwingt die Illustratorin Jan Thompson Dicks, dem Text unmittelbare Bilder gegenüberzustellen: vom Anbau der Kokainpflanzen, von Dealern und Süchtigen, von den Straßen, in denen Liebe, Drogen und Gewalt eine beklemmende Allianz eingehen. Die Bilder konzentrieren sich dabei zunehmend auf Blicke, Gesten und Gefühle, um Anonymität und Schweigen zu erfassen. Die eigenartige Sterilität der Zeichnungen korrespondiert mit der Kälte und Aggression, die vor allem die Bilder der Großstadt charakterisieren. "Das ist die Frau, zerstört vom Leid." Ihr Kopf ist verdreht zum Körper gezeichnet, so daß Anklänge an die Expressionisten und Kubisten entstehen, überzeugende bildnerische Metaphern für die Beschädigung der Psyche. Eine fremde Welt entsteht, in der Menschen wie zerbrochene Marionetten auftreten.

Die wohlbehüteten Kinder Westeuropas werden dieses Bilderbuch, sollten sie es hoffentlich je in Händen halten, ohne Vermittlung kaum verstehen. Aber sie werden erkennen, daß es Welten gibt, in denen Kinder ebenso gefährdet wie Erwachsene sind. Daher liefert das Buch konsequenterweise auch kein Happy-End. Der Bilderbuchmarkt und mit ihm die Käufer und Vermittler der Bücher sollten solch provozierende Botschaften aushalten inmitten der Flut lebensferner Hasen-, Bären- und Mäuseabenteuer. Denn wo steht geschrieben, Bilderbücher dürften nichts von der sozialen und psychischen Not dieser Welt preisgeben?

Clark Taylor/Jan Thompson Dicks: