Die Kinder der Netz-Generation sind sonderbar erwachsen. Ein 14jähriger kümmert sich um die Homepage seines Vaters, denn "der hat sowieso keine Ahnung von HTML". Joeldine, 15, findet, daß sich durch das Internet ihr Wissenshorizont erweitert hat. Und die 15jährige Sarah erklärt: "Fernsehen ist hirntötend. Klar sehe ich ab und zu mal eine Sendung, aber viel mehr Zeit verbringe ich im Netz."

Die Net Kids lassen sich nichts vormachen, und sie wissen meist ganz genau, was sie wollen. Der amerikanische Internet-Forscher Don Tapscott hat sich in ihrer Welt umgesehen und kommt zu der Erkenntnis: Das neue Selbstbewußtsein der Net Kids beruht auf den Strukturen der digitalen Welt. Während die alten Babyboomer vom Fernsehen geprägt wurden, lernt die Netz-Generation von Kindesbeinen an interaktiv. Wer im Datendschungel surft, schult sich laufend darin, ungeeignete Quellen zu erkennen und sich auf Informationen zu konzentrieren, die für eine bestimmte Aufgabe wesentlich sind. Kommt hinzu: Erstmals sind Kinder und Jugendliche auf einem ganz zentralen Feld gebildeter als ihre Eltern.

Tapscott wendet sich mit seinem Buch eindringlich gegen die Befürchtung, das Internet werde auf die Jugend und ihr Sozialverhalten ähnlich bedenkliche Einflüsse ausüben, wie sie dem Fernsehen nachgesagt werden. Vermischung von Realität und Fiktion, Zerstörung von Phantasie, passiver Konsum anstelle aktiver Kommunikation? Tapscott hält dagegen: Bloß weil man Fernsehen und Internet gleichermaßen am Bildschirm nutzt, gelten für beide noch längst nicht die gleichen Gesetze.

In der Tat lassen sich einem alltäglichen Umgang mit dem neuen Medium positive Aspekte abgewinnen, die über Online-Bestellungen in virtuellen Supermärkten hinausreichen: Interaktion erfordert Aktivität. Bei der Kommunikation nimmt Schrift die zentrale Rolle ein - egal, ob sich die Kids über anspruchsvollen Lernstoff oder über ihre Popstars austauschen, ob sie sich direkt mit ihren Cyber-Freunden in Chat-Runden unterhalten oder zeitversetzt per E-Mail. Lesen, Schreiben und die damit verbundenen kognitiven Leistungen, so Tapscott, werden spielerisch eingeübt - selbst wenn die Rechtschreibung der User oft miserabel ist.

Seine Erkenntnisse stützt Tapscott auf Online-Diskussionen, -Interviews und -Umfragen, für die er unter anderem die Projekt-Web-Site www.growingupdigital.com nutzte. Demnach ist die Generation der 4 bis 20 Jahre alten Cyber-Profis "neugierig, innovativ, teambezogen und leistungsorientiert". Dieser Charakter der Netz-Generation habe weitreichende Folgen für die Wirtschaft, meint Tapscott. Nicht genug damit, daß sich die Netz-Kinder dereinst kaum noch in starre Berufsstrukturen und Managementhierarchien einfügen werden; zuvor noch werden Marketingfachleute stark umdenken müssen, prophezeit der Internet-Forscher. Im Zeitalter der Massenkommunikation konnte man relativ einfach Marken prägen, Images transportieren, Produkte mit einer "universellen Bedeutung" verbinden. Im Netz aber ist Kommunikation individuell, weil sich jeder sein eigenes Bild machen kann.

Auch die Bildung sieht der Erziehungspsychologe Tapscott vor einer weiteren Phase der Revolution stehen. Spätestens durch die Verbreitung der interaktiven Medien laufe die Zeit des Frontalunterrichts ab. In einer "neuen Kultur des sozialen Lernens" rücke die Weitergabe von Information von Lehrern an Schüler in den Hintergrund. In einer Welt, in der die pure Information problemlos verfügbar sei, "diskutieren die Studenten miteinander und lernen voneinander, während der Lehrer als Gleichgestellter an diesem Prozeß teilnimmt".

Tapscott ist nicht der skeptische Mahner, der Probleme und Gefahren in den Mittelpunkt rückt. Er zeigt die Chancen einer digitalen Zukunft auf, die vermutlich ohnehin unausweichlich ist. Zwei Ansatzpunkte für eine kritische Einschätzung der digitalen Zukunft bleiben allerdings. Der eine, Tapscott streift ihn am Rande, betrifft den ungleichen Zugang zu dem neuen Medium: Aufgrund des Wohlstandsgefälles bleibt weltweit die Teilhabe an der digitalen Gesellschaft auf eine Minderheit beschränkt.