Die Wende habe ich als Ekstase des Lernens erlebt", erinnert sich Sebastian Kleinschmidt. Seit 1984 gehört er der Redaktion von Sinn und Form an. "Das war für uns ein großer Impuls, der die innere Potenz der Zeitschrift freigesetzt hat."

In Zeiten des Kalten Krieges galt Sinn und Form, die Zeitschrift der Berliner Akademie der Künste, als Mythos. Sie war nicht nur das kulturelle Aushängeschild der DDR, sondern auch ein fortwährendes Ärgernis für Parteifunktionäre. So viel intellektuellen Spielraum, so wenig verordneten Realismus wie in diesem Blatt gab es im Arbeiter-und-Bauern-Staat nirgends.

Manche erhaltenswerte Einrichtung der DDR ging mit der Wiedervereinigung verloren. Sinn und Form überlebte. Heute gehört die Zeitschrift wieder zu den interessantesten ihrer Art. Kontinuität ohne Ostalgie, so lautet das Erfolgsrezept. Als Kleinschmidt 1991 die Chefredaktion übernahm, knüpfte er bewußt dort an, wo noch vor der Gründung der DDR alles angefangen hatte. Kurz nach dem Krieg stellte der Schriftsteller Johannes R. Becher die Weichen für die Kulturpolitik der späteren DDR. Die Gründung einer Literaturzeitschrift lag ihm besonders am Herzen, und 1948 erfüllte er sich seinen Wunsch: Sinn und Form wurde ins Leben gerufen - nicht als Agitationsblatt, sondern als künstlerisches Markenzeichen des neuen Staates.

Mit dem parteilosen Lyriker Peter Huchel stand ein idealer Chefredakteur zur Verfügung. Er allein entschied über die Auswahl der Texte, er prägte das Profil, für das Sinn und Form noch heute steht: eine literarisch-philosophische Zeitschrift von höchstem Niveau. Zwölf Jahre Nationalsozialismus hatten Deutschland kulturell ausgehöhlt. Diese Leere galt es zu füllen. Huchel ging dabei betont eigenwillig vor: Er verzichtete auf Vorbemerkungen und thematische Schwerpunkte, tagespolitische Debatten wurden nicht geführt. Allerdings verbarg sich hinter dem nüchternen Erscheinungsbild der Zeitschrift eine subversive Strategie. Huchel entwickelte eine subtile Technik der Anspielung, und sein Publikum verstand es, zwischen den Zeilen zu lesen. Das war sicher nicht revolutionär. Aber in der politischen Einstimmigkeit des Stalinismus bedeutete es ein nicht zu unterschätzendes Wagnis, auf diese Weise Gedanken zu verbreiten, die es eigentlich gar nicht geben durfte.

Als der Kalte Krieg heiß zu werden drohte, demonstrierte Huchel die Zusammengehörigkeit der europäischen Literatur. Heft für Heft brachte er Schriftsteller aus Ost und West: Neben Ernst Bloch, Johannes Bobrowski und Georg Lukács erschienen Alfred Döblin, Thomas Mann und Hans Erich Nossack. Vor allem in der Bundesrepublik stieß Sinn und Form damit auf reges Interesse. Das hatte nicht nur politische Gründe, sondern auch inhaltliche. Huchel druckte Exilautoren, die auf dem Buchmarkt der biederen Adenauer-Jahre keine Chance hatten.

Auf Dauer aber war die Differenz zur offiziellen Kulturpolitik der DDR unübersehbar. Bereits im geschichtsträchtigen Jahr 1953 sollte mit Huchels "ideologischen Verfehlungen" Schluß gemacht werden. Er beugte sich dem Druck und widmete ein Heft dem im März verstorbenen Stalin. Alle literarischen Kriterien wurden über Bord geworfen. Nicht nur Becher feierte den Toten mit Parteibelletristik, auch Brecht und Anna Seghers sangen im Chor der Schranzen mit. Von Stalins mörderischen Prozessen wußten sie alle. Doch dieses Heft war eine Ausnahme. Für das Politbüro blieb Huchels Rücktritt nur eine Frage der Zeit. 1962, nach dem Mauerbau, mußte er gehen.

Was dann geschah, ist erstaunlich. Huchels Stil erwies sich als so dominant, daß Sinn und Form auch in den folgenden Jahrzehnten zumindest lesenswert blieb. "Gewissermaßen erzog die Zeitschrift ihre Redakteure", erklärt Kleinschmidt. "Sie in ein linientreues Parteiorgan umzuwandeln war nicht möglich."