Der Vogel im Käfig singt. Auch wenn er sich kaum bewegen kann und alles ausweglos erscheint, es liegt in seiner Natur, zu singen - und zu fliegen. Abbey Lincoln und Caged Bird, ein Geschenk der großen alten Dame der Ballade, ein Remake aus Painted Lady mit Archie Shepp, einer von zehn Titeln aus dem neuen Album Wholly Earth - einem Meisterwerk.

Gemach, gemach, Vorsicht, nicht schon wieder, hatten wir erst gestern, hervorragend wäre ausreichend - nein, der Hörer bleibt stur, Meisterwerk. Sie wird immer besser, entschlackt sich aller überflüssigen Töne und Verzierungen, vollendete schon auf Who Used To Dance von 1997, was sie auf Talking To The Sun von 1983 begonnen hatte, schreibt den größten Teil ihres Repertoires selbst, bringt ihre Lieder, als seien sie vertraute Standards, singt mit dem Stolz der allzuoft Gedemütigten.

Abbey Lincoln hat zur großen Einfachheit ihrer Musik gefunden, am Ende eines langen Weges. Mit zwanzig sang sie unter dem Namen Anna Marie in den Nachtklubs von Los Angeles, trat Mitte der fünfziger Jahre als Gaby Lee in Honolulu auf, traf als Abbey Lincoln den Schlagzeuger Max Roach, wurde zum akustischen Gleichnis für den schwarzen, wütenden Aufschrei in der legendären We Insist! Freedom Now Suite von 1960: Prayer, Protest, Peace. Später nannte sich die am 6. August 1930 in Michigan geborene Anna Marie Wooldridge, ihrer Sehnsucht nach Afrika gemäß, Aminata Moseka, als Abbey Lincoln liebt man sie - vor allem in Europa (Gitanes/Verve 559 538).

"Die Wahrheit der Worte und die Wahrheit des Klangs stehen sich in nichts nach, und das Verwegene und Bittere sind eine Person", schrieb die Schriftstellerin Gisela Corleis über Billie Holiday, es zählt auch für Abbey Lincoln, doch zugleich hat sie das Bittere jetzt mit Gelassenheit überzogen. Licht durchstrahlt diese Lieder, Licht der Morgensonne, der Sterne, des Mondes - der Midnight sun, sachlich und sorgfältig benannt und besungen, als hätte sie Angst, daß zu viel Emphase und Hoffnung sie vertreiben könnten. Die Vorsicht ist nicht unbegründet, der Weg vom Nachtklub zur politischen Aktivistin und zurück hinterließ Narben, Nina Simone kann davon ein Lied singen.

Im Duett mit dem Spiegelbild Maggie Brown: And It's Supposed To Be Love - und wie die einlullenden Melodien den harten Realismus erträglich machen, Learning How To Listen - kluge Texte, die Wut besänftigen, so umschließen die jungen Begleitmusiker ihre Stimme mit Selbstverständlichkeit. Ein lange vermißter Lichtpunkt: das kristalline, warme Vibraphon von Bobby Hutcherson. Er ist der Glanz, der ihrer traurigen Wahrheit solche Schönheit verleiht.