Es sei ein "Stück Selbstaufklärung" der deutschen Gesellschaft, wenn sie öffentlich darüber diskutiere, wie sie mit der Erinnerung an die Zeiten der Inhumanität, der Menschenverachtung und des Genozids umgehen könne und wolle, heißt es im Vorwort eines ersten Versuchs, die Debatte über das Holocaust-Mahnmal zu dokumentieren. Geschrieben hat das Vorwort Wolfgang Thierse, der neue Präsident des Deutschen Bundestags. Damit hat der Herausgeber Michael S. Cullen zumindest das erreicht, wofür er in der Debatte eingetreten ist: das deutsche Parlament in die Pflicht zu nehmen.

Wie sehr die nun schon mehr als zehn Jahre dauernde Debatte am Bundestag vorbeiging, demonstriert die aufschlußreiche Chronik im Anhang. Philipp Jenninger war noch im parlamentarischen Präsidialamt, als im August 1988 die erste Kontroverse darüber ausbrach, ob das Mahnmal nur den ermordeten Juden oder auch allen anderen Opfern der Naziherrschaft gewidmet sein sollte. Bis zur Endredaktion der vorliegenden Publikation, die mit "Volkstrauertag 1998" datiert ist, hatte der Herausgeber fünf Aktenordner mit etwa 1500 Artikeln gesammelt, von denen er schließlich 32 Beiträge zum Abdruck auswählte.

Den Vorwurf der Unausgewogenheit wird er sich spätestens dann einhandeln, wenn die nächste - bereits angekündigte - Dokumentation auf dem Tisch liegt. Doch selbst wenn an der Auswahl bemängelt wird, daß einige wichtige Stellungnahmen wie beispielsweise die des US-Mahnmalexperten James E. Young fehlen, die künstlerische Debatte im engeren Sinn insgesamt zu kurz komme - dafür aber andere "dezidiert parteiliche" Stimmen mehrfach dokumentiert seien, ist Cullen doch eine längst überfällige Momentaufnahme der ausufernden Kontroverse gelungen. Ihr fragmentarischer Charakter entspringt nicht nur den Zufällen der Redaktionsgeschichte, sondern ist auch Wesensmerkmal eines historischen Kommentars, der nie an ein Ende kommen kann.

Verfolgt man die dokumentierte Debatte zurück, so wird ein objektives deutsches und jüdisches Dilemma deutlich: Die zutage getretene Wechselwirkung zwischen Erinnerungsbereitschaft und nationalem Selbstverständnis zeigt, daß es unterschiedliche Ausprägungen des Erinnerns und Gedenkens auf der Seite derer gibt, die Nachfahren der Opfer, und derer, die Nachfahren der Täter sind.

Es war nicht zuletzt die Vermischung dieser unterschiedlichen Perspektiven, die zu den aufgetretenen Konfusionen, Mißverständnissen und zum Teil unerträglichen Wiederholungen der Argumentation geführt haben. Daher konnte und kann auch der methodische Ansatz von Spielbergs Shoa-Foundation nicht bruchlos in ein deutsches "Archiv der Erinnerung" überführt werden.

Der Herausgeber hält es für keinen Zufall, daß die Debatte um ein Holocaust-Mahnmal in Berlin zwischenzeitlich durch den Walser/Bubis-Streit angereichert und zugleich überlagert wurde, begründet aber, daß die Aufnahme der Walser-Rede "ein anderes" Buch erfordert hätte. Bewußt ausgespart ist auch der jüngste Vorstoß des Kulturbeauftragten Michael Naumann, das Mahnmal (mit oder ohne Anregung Spielbergs) als eine museale Gedenkstätte der Lehre und Forschung zu gestalten.

Michael S. Cullens Textsammlung lädt zu einer Lese- und Denkpause ein, ohne dabei - wie manche Politiker - aus taktischen Gründen den "breiten Konsens aller Beteiligten" erreichen zu wollen. Das heißt, auch eine Mehrheit im Bundestag wird sich kaum als qualifizierte Entscheidungsbasis ausweisen können. In einem Beitrag Salomon Korns hieß es dazu bereits im Juli 1995: "Das ins nächste Millennium hineinwirkende Mahnmal bedarf keiner breiten Zustimmung ... Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas darf, ja, sollte ein öffentliches Ärgernis bleiben - ein Pfahl im Fleisch der Erinnerung."