Die Liste der Katastrophen ist lang: Thailand, Indonesien, Rußland - jetzt Brasilien. Seit eineinhalb Jahren muß der Internationale Währungsfonds (IWF) immer neuen Ländern zu Hilfe eilen. Fast ohne jeden Erfolg. Gigantische Rettungsprogramme verpuffen oder verschwinden bisweilen sogar in dunklen Kanälen. Am Ende obsiegen stets die Spekulanten. Während sich Währungsfonds und Regierungen wechselseitig die Schuld zuschieben, kollabieren ganze Volkswirtschaften; Millionen Menschen versinken im Elend. Mögen die ökonomischen und politischen Strukturen in den jeweiligen Regionen unterschiedlich sein, das Muster der Krisen ähnelt sich erschreckend. Am Anfang gerät eine nationale Währung an den Devisenmärkten unter Druck; verzweifelt versuchen Notenbanker und Politiker den Kurs zu halten. Die Zinsen steigen astronomisch und würgen die Konjunktur ab; Währungsreserven schmelzen dahin und ermutigen Finanzjongleure erst recht, gegen die bedrängte Währung zu wetten. Woran ein Hilferuf an den IWF kaum mehr etwas ändert.

Früher oder später waren alle zum Abwerten gezwungen. Diesmal also Brasilien. Auch wenn rund um den Globus Politiker, Konzernlenker und Börsianer gelassener reagiert haben als während der vorherigen Turbulenzen, das Desaster ist nicht minder dramatisch. Denn die Mächtigen des IWF sind endgültig in eine schwerwiegende Vertrauenskrise geraten. Es ist gerade erst zwei Monate her, da sagten sie der brasilianischen Regierung ein Hilfspaket von 41,5 Milliarden Dollar zu. Hoch und heilig versprachen alle Beteiligten, den Wechselkurs des Real zu verteidigen (siehe auch Seite 19). Unterstützt von der amerikanischen Regierung - die ein ähnliches Fiasko in Lateinamerika wie bei der Mexikokrise 1994 fürchtet -, boten IWF-Chef Michel Camdessus und Präsident Fernando Henrique Cardoso den Spekulanten die Stirn.

Und holten sich dicke Beulen. Urplötzlich befreiten sie den Real aus den Dollar-Fesseln. Er durfte floaten, wie die Fachleute sagen. Dieser Startschuß zur Abwertung ist eine erstaunliche Kehrtwende in der IWF-Politik. Noch verblüffender ist deren Begründung: Es mache keinen Sinn mehr, den bisherigen Real-Kurs mit den kostbaren Währungsreserven zu stützen. Jahrelang wurde genau dieses Ziel als Staatsdoktrin gepredigt, die Opfer dafür waren beachtlich. Wer wundert sich da noch, daß Länder wie Argentinien und Hongkong wieder als hochgefährdet gelten? Beide haben ihre Währungen noch enger an den Dollar gekettet als Brasilien - und dafür den Rückhalt des IWF.

Vor diesem Hintergrund wirken die Rufe der rot-grünen Koalition in Bonn nach stabileren Währungsbeziehungen in der Welt weniger akademisch als zu Beginn der Debatte. Frankreich, Japan und die Bundesrepublik nahmen am vergangenen Wochenende bei einem Treffen asiatischer und europäischer Finanzminister in Frankfurt einen neuen Anlauf, um ein weniger krisenanfälliges Währungsregime zu etablieren. Für Finanzstaatssekretär Heiner Flassbeck steht mit Blick auf Asien fest: "Die Fixierung der Wechselkurse hat zur Überbewertung der Währungen beigetragen." Dieses System sei nun "von einer anderen Extremlösung, dem völligen Floaten", abgelöst worden. Mit unangenehmen Folgen, meint der Vordenker von Finanzminister Oskar Lafontaine: Wenn die Währungen von Entwicklungsländern heftig schwankten, werde der Außenhandel beeinträchtigt, der Schuldendienst verteure sich, und Investoren zögen sich zurück.

Jetzt müssen Argentinien, Hongkong und China zittern

Beide Konstruktionen halten die Macher im Bundesfinanzministerium für unsinnig. Als Alternative zu den Extremen plädiert Bonn für ein System sogenannter crawling pegs. Zwar wird auch in diesem Fall die Landeswährung an eine Valuta oder an einen ganzen Korb davon gekoppelt. Sie verändert jedoch ihren Wert in dem Maße, wie sich die eigene Inflationsrate von derjenigen der Referenzwährung unterscheidet. Polen wendet ein ähnliches System an: Dort kann der ZIoty unter anderem in einer Bandbreite von zehn Prozent schwanken.

Doch die Frage bleibt: Kann ein anderes Management des Wechselkurses ein Land wirklich vor einer akuten Krise bewahren? Ein Bundesbanker verneint. "Entscheidend ist, ob die Politik stimmt. Dann kann beinahe jedes Wechselkursregime gewählt werden", sagt der Frankfurter Währungshüter. Damit ist vor allem gemeint: Wenn Regierung und Notenbank in einem Land sparsam und verläßlich agieren, dabei insbesonders die Inflation bekämpfen, dann brauche niemand die Finanzmärkte zu fürchten. Der amerikanische Finanzminister Robert Rubin bringt diese Sicht der Dinge auf den Punkt: "Wie immer man das Wechselkursregime beurteilt, die Schlußfolgerung bleibt dieselbe: Man braucht solide Politiken zu Hause."