Kürzlich erhielt der Außenminister Post aus Paris. Absender: Nino Cerruti. Der italienische Modeschöpfer äußerte sich wohlgefällig über Fischers Geschmack und bot an, ihm den nächsten Anzug persönlich anzupassen. Natürlich hat sich der Minister gefreut und ist willens, der Einladung zu folgen.

Interessant wird der Briefwechsel, weil es nur vordergründig um Jacke und Hose geht. In Wahrheit will Fischer nicht sich, sondern das rot-grün regierte Land, die "Berliner Republik", neu einkleiden. Nur wie?

In Wörlitz, wo die Grünen-Fraktion am Wochenende in Klausur ging, suchte Fischer bis tief in die Nacht nach neuen Zeichen und Symbolen und lotete den Raum aus zwischen Tradition und Moderne, zwischen goldenen Manschettenknöpfen und modischen Dreiteilern, zwischen luftigem Ton und staatstragender Geste. Einerseits will er keine faulen Kompromisse eingehen. Ein Anzug, der gar nicht so gemeint ist, das ist nichts für ihn: Perfekt muß er sein, klassisch. Andererseits mag er es nicht, wenn er als "Herr Minister" angeredet wird: "Ich gucke dann immer hinter mich."

Tradition gefällt ihm, schon, aber nicht die deutsche. Auf eine englische Hochzeit zum Beispiel würde er ohne Zögern mit Zylinder gehen. Aber beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Corps in Berlin erschien er als einziger im modischen Anzug: "Ich bin mir sicher", sagt er, "daß ich besser aussah als die anderen in ihren Cuts."

Wieviel Brauchtum darf's sein? Und wieviel Eigenes? Welchen Stempel soll er ihr aufdrücken, der neuen, seiner, Republik? An der alten Bundesrepublik, in die er sich erst spät verliebte, gefällt ihm das Bescheidene, das Unprätentiöse, das, was sich im Begriff von der "Kultur der Zurückhaltung" wiederfindet. Aber kaum drei Monate im Amt, muß Fischer lernen, daß seine Amtskollegen an Deutschland andere Erwartungen richten als zum Beispiel an Holland. Und schon ertappt er sich dabei, wie er das Kronprinzenpalais an der Prachtallee Unter den Linden in Gedanken umbaut zur repräsentativen Tagungsstätte.

Und dann die Sache mit dem neuen Dienstsitz. Das Auswärtige Amt im Berliner Zentrum gliedert sich in einen Alt- und einen Neubau - eigentlich eine hinlängliche Definition beider Gebäudeteile. Doch die geographische Bestimmung der beiden Flügel erscheint Fischer als zu prosaisch. Könnte man ihnen nicht die Namen von Adenauer und Brandt geben? Und wäre damit nicht deutlich markiert, daß die Berliner Außenpolitik in Bonn anknüpft und nicht etwa bei Bismarck und Stresemann?

Demnächst will Fischer seine Amtsvorgänger Kinkel, Genscher und Scheel zum Abendessen einladen. Vielleicht erzählen sie dabei, daß sie jahrzehntelang mit einem "Ministerbau" und einem "Haupthaus" leben konnten. Daß die Außenpolitik in diesen Jahren nicht so übel war, weiß Fischer selbst.