Als der Chirurg Sauerbruch sich bei dem Maler Liebermann über die vielen Sitzungen für sein Porträt beschwerte, antwortete dieser: "Wenn Sie einen Fehler machen, liegt er nach drei Tagen unter der Erde, meine Fehler hängen noch Jahrhunderte in den Museen." In der Demokratie dauert ohnehin alles ein bißchen länger, und über das Roosevelt-Denkmal in Washington soll zwanzig Jahre lang diskutiert worden sein - mit Erfolg. Über ein "Holocaust-Mahnmal" in Berlin ist erst zehn Jahre gestritten worden, es besteht also kein Grund zur übertriebenen Eile - vorausgesetzt, daß die Absicht selbst nicht mit der Zeit zermahlen wird. Das verhindern wir am besten, indem wir die Diskussion anfachen.

Um es vorweg zu sagen: Ich bin für ein solches Mahnmal, aber ich bin mit der derzeitigen Alternative nicht zufrieden. Der ursprüngliche Mahnmal-Entwurf von Peter Eisenman stand bislang gegen den Vorschlag von Staatsminister Naumann, eine Ausstellungshalle und eine Forschungsstelle für drohende Völkermorde zu errichten, denn "ein Museum kann auch ein Mahnmal sein". Vorbild und Kooperationspartner sollen die Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem und das Holocaust-Museum in Washington sein. Nun hat Naumann einen Kompromiß mit Eisenman bekanntgegeben, wonach dieser seinen Entwurf um das von Naumann gewünschte Gebäude erweitert.

Der Entwurf von Eisenman, der auf einem riesigen Gelände südlich des Brandenburger Tors 2700 Stelen errichten will, die so eng beieinanderstehen, daß man nur vereinzelt zwischen ihnen hindurchgehen kann, ist faszinierend und folgt einer modernen ästhetischen Konzeption. Es könnte aber sein, daß moderne ästhetische Konzeptionen, die sich wortlos an das Erleben wenden und einen Raum zur Selbsterfahrung anbieten, eben deshalb nicht mahnmalfähig sind. Außerdem ist diese Idee bereits im Libeskind-Bau des Jüdischen Museums in Berlin verwirklicht. Dort sind zwei derartige Selbsterfahrungsräume integriert. Offensichtlich möchte Eisenman mit der Vereinzelung beim Gang durch diesen Stelenhain etwas vom KZ-Erlebnis erfahrbar machen. Ein Empathiepark soll es sein. Ich halte diese Absicht für verwegen. Was da erfahren wird, kann nie solche Vergleichbarkeit beanspruchen. Und dann müssen wir auch an die ordinären Banalitäten der Realisierung denken. Wenn man nun dort Bierdosen begegnet und Hundedreck statt sich selbst oder wenn das ein Sprayer-Paradies wird, was dann?

Daß diejenigen, die in diesen Stelenpark hineingehen, auch in sich gehen, ist gar nicht gesagt. Ich halte das aber auch für eine Zumutung und für eine Überforderung, wenn der Imperativ in Beton gegossen wird: "So, nun fühle!" Gefühle lassen sich nicht kommandieren. Sie schlagen dann nämlich leicht um, denn sie sind mit ihrem Gegenstück verbandelt. Das öffentliche Gedenken darf nicht packend sein wollen, es muß diejenige Distanz wahren, die die Nachdenklichkeit fördert. Es sollte nicht wortlos Gefühle, sondern in klaren Worten den Verstand ansprechen. Man sollte frei und aufrecht vor ein Mahnmal treten können und nicht hineinkriechen müssen.

Der Stelenhain läßt Gräberfeld und Friedhof assoziieren wie schon der zuvor diskutierte Entwurf, der eine riesige Platte mit den Namen der Ermordeten vorsah. Das paßt nicht gut in die Stadtmitte. Vor allem aber wissen wir doch: Es gibt den Ort nicht, wo sie begraben wurden, also sollten wir ihn auch nicht simulieren. Sie wurden verbrannt, sie wurden, um es drastisch zu sagen, wie Sondermüll entsorgt.

Mein dritter Einwand: Der Entwurf ist exklusiv opferorientiert. Wieso soll das ein Einwand sein?

In der Debatte werden die Wörter Denkmal und Mahnmal wechselweise gebraucht - zu Unrecht, wenn wir genauer hinhören. Ein Denkmal sagt: Abel wurde erschlagen, denkt an ihn. Ein Mahnmal sagt: Kain erschlug seinen Bruder Abel, vergeßt das nicht. Wir importieren vorschnell Worte und Ideen vom Holocaust-Museum in Washington und von der Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem, als sei es ausgemacht, daß das, was dort paßt, auch bei uns paßt. Wir bedenken nicht, daß das Gedenken der amerikanischen Juden, das Gedenken der Israelis und das Gedenken in Deutschland verschieden akzentuiert sein müssen. Mitgefühl mit den Opfern ist allerdings angezeigt, aber auch die Empathie kann taktlos werden, wenn sie nicht zwischen mein und dein unterscheidet. Im Land der Opfer und Täter ist ein anderes Gedenken angezeigt als im Land der Geflüchteten und Überlebenden.