Zwei Schritte vor, einen zurück - das ist die Formel, mit der man seit zwanzig Jahren das chinesische Reformtempo errechnet. Unglücklicherweise hat die Volksrepublik gerade zwei erfolgreiche Jahre hinter sich. 1997 gelang die Übernahme Hongkongs. 1998 hielt man mit 7,8 Prozent Wachstum wacker der Asienkrise stand. 1999 kann also alles schiefgehen. Die neuen Wirtschaftstrends sprechen dafür: Chinas Exporte wachsen nicht mehr, weil die Absatzmärkte in den Nachbarländern zusammengebrochen sind. Die private Nachfrage hat nachgelassen. Erstmals hat die Regierung darauf verzichtet, ein Wachstumsziel für das Jahr zu benennen.

Die Bankpleite ist für Peking ein Exempel Das krachende Ende der alten Reformpolitik, Marke Deng Xiaoping, besiegelte soeben der Bankrott von Chinas zweitgrößter Investmentbank (Schuldenlast: vier Milliarden Dollar). Mit der regierungseigenen Guangdong International Trust & Investment Corporation (Gitic) stürzte eines der zehn legendären "Schaufenster" für ausländische Investitionen zusammen, mit deren Hilfe die Öffnung Chinas in den achtziger Jahren begann. Überdies ordnete Peking an, die ausländischen Schuldner der Gitic nicht aus der Staatskasse zu bedienen. Die Bankmanager müssen ihre verlorenen Millionen nun über die chinesischen Gerichte eintreiben.

Die Asienkrise ist endgültig auch in China angekommen ist. Chinesische Firmen werden es künftig schwer haben, ausländisches Kapital aufzunehmen. An der Hongkonger Börse brachen die Werte der vom chinesischen Festland kontrollierten Firmen dramatisch ein. Die Gesamtschulden der sogenannten red-chip-Unternehmen, die früher die Begeisterung der Hongkonger Anleger erweckten, beläuft sich heute nach Schätzungen der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs auf zwölf Milliarden Dollar. Den chinesischen Vorzeigeunternehmen wird vorgeworfen, ihr in Hongkong leicht erbeutetes Kapital in anderen Aktien- und Immobilienmärkten verspielt zu haben.

Fast scheint es dabei, als arbeiteten die Analysten Hand in Hand mit der kommunistischen Regierung. Die akute Krise, die China gleich nach Brasilien als Sorgenkind der Weltwirtschaft ins Gespräch brachte, wurde jedenfalls mit der Gitic-Pleite bewußt von Peking provoziert. Anschließend warnte die chinesische Regierung ausländische Banken ausdrücklich davor, leichtsinnig in China Kredite zu verteilen. Mangelnde Vorsicht ausländischer Kreditgeber hätte in Indonesien und Thailand wesentlich zur Verschärfung der Krise beigetragen. Lieber setze die chinesische Regierung "auf eigene Initiative" Hier zeigt sich die neue Reformstrategie des Wirtschaftszaren Zhu Rongji. Zehn Monate ist der Premierminister im Amt. Seither geht in China alles schlechter. Doch Zhu hat es nie anders gewollt. Für ihn ist der Gitic-Bankrott ein voller Erfolg auf dem Weg zur Entflechtung von Politik und Wirtschaft. Im cozy capitalism, dem Gemauschel zwischen Staat und Wirtschaft, sieht Zhu den Grund für die Asienkrise.

Die für ihre erfinderische, nicht immer gesetzbuchtreue Geschäftstüchtigkeit bekannte Südprovinz Guangdong, in der das Gitic-Drama spielt, war dem Premierminister seit langem ein Dorn im Auge. Doch er nimmt sich auch andere Provinzen vor. Im mandschurischen Nordosten und im westlichen Sichuan betreibt Peking die Auflösung der Schwerindustrien, die Mao dort angesiedelt hatte. Eine der wichtigsten Reformaufgaben, die sich der KP-Parteitag im September 1997 gestellt hatte. Allein 1998 wurden 7,14 Millionen Arbeiter aus Staatsunternehmen entlassen. Die Arbeitslosigkeit verdoppelte sich innerhalb eines Jahres auf sieben Prozent.

Zhu weiß um das Risiko seiner Maßnahmen. Soeben berief er eine "Nationale Konferenz über die Sicherung des minimalen Lebenseinkommens für entlassene Arbeiter der Staatsbetriebe" ein und diktierte den Parteisekretären aller Provinzen Notmaßnahmen zur Vorbeugung sozialer Unruhen. Der Machtapparat fürchtet den Hunger unter den Arbeitslosen. Zum chinesischen Frühlingsfest am 16. Februar sollen nun Almosen verteilt werden. "Wir müssen trotz der Arbeitslosen weitermachen", sagt ein hoher Regierungskader gegenüber der ZEIT.

Damit schließt sich der Kreis von Wirtschaft und Politik. Je verzweifelter die Partei unter immer schlechteren Rahmenbedingungen am Reformkurs festhält, desto größer werden die Ängste vor Protesten, und desto härter greift die Partei gegen ihre Gegner durch. "Es wird ein hartes Jahr, aber wir können es bestehen", macht sich der Regierungsmann Mut.