LOVE FOR SALE - TAKING STOCK IN OUR PRIDE

Das Cover quillt über von Zahlen, Zeichen und Slogans. Alles dreht sich um Homosexualität und Kommerz, denn die Lebensstile der Homosexuellen sind nur so weit akzeptiert, wie sie sich in profitorientierte Ökonomien verwandeln ließen. Das gilt auch für die Musikindustrie - von Housemusik bis k. d. lang heißt die Devise: Love For Sale!

Der junge Amerikaner Terre Thaemlitz, ehemals DJ in Undergroundclubs für Transsexuelle in New York, tritt bei seinen Konzerten häufig als Drag Queen auf. Zugleich nutzt er das Internet als Forum für seine kulturkritischen Theorien und unterstreicht im Beiwerk einer jeden CD mit Wortgewalt das Bestreben, Musik als soziales Phänomen, als sozialisierende Kraft zu begreifen. Die Klischees von der bunten, schrillen, schwulen Musikkultur findet man auf seinen Tonträgern nicht: Ob Audioexperimente, Ambient oder digitale Synthese - seine Ansätze sind Klangforschung.

Mit TV-Originaltönen einer Gay Pride Parade, bei der die Produktplazierung gleich mitläuft, beginnt die neue CD, doch unvermittelt bricht dieses Szenario ab in ein hypnotisches Transistorensummen. Störgeräusche ziehen durch, Pianoklänge wehen in der Ferne vorüber, verschwimmen im Hall, werden abgelöst von synthetischen Sounds aus den digitalen Bestandteilen anderer Klänge.

"Allein in meinem Produktionsraum, zerstreut durch die Geräusche der Straße, versuche ich eine sozio-materielle These eines homosexuellen Sounds zu modellieren, indem ich Quellenmaterial durch einen Verlagerungsprozeß nach dem anderen schleuse." Samples und Zitate erscheinen nur zu einem Bruchteil als direkte Referenz, eine soulige Gesangsspur wie aus einem schlecht eingestellten Radioprogramm, ein undeutliches Disco-Motiv, mehrmals die schlingernden Pianoläufe.

Die Herkunft des meisten Quellenmaterials verschleift sich im Bearbeitungsprozeß zu einer subtilen visionären Metaphorik, deren Bedeutung sich nur erahnen läßt. Zwitterhaft changieren abstraktes Knacksen, eruptives Rauschen, anschwellende Klangflächen mit audiophilen Fundstückchen. Kleine amorphe Einsprengsel in einer dezenten wall of sound, deren Verschwinden spürbarer ist als ihr Vorhandensein. Kommentatorische Collagen verwandeln sich in bewegliche Materie - musikalische Bewegung, die in die Hermetik der politischen Thesen im Textheft einbricht.

"Schweigen = Tod", die Losung der Aids-Bewegung unter dem symbolträchtigen rosa Dreieck, findet sich auf dem CD-Cover. Doch Terre Thaemlitz rückt gerade die Schwelle zwischen Stille und Sound in den Mittelpunkt seiner Musik. Das Flanieren über diese Schwelle beschreibt den Versuch, die diskriminierende Polarität zwischen öffentlichem und privatem Schwulsein, zwischen dem Warenwert der Gay-Ästhetik und ihren unattraktiven sozialen Inhalten aufzulösen.