Es ist der erste Schultag für die Mädchen, die in Paizhou, einer Gemeinde südwestlich der chinesischen Provinzhauptstadt Wuhan, über die matschige Dorfstraße laufen. Trotz der Kälte an diesem Januarmorgen tragen sie keine Schuhe. Schuhe sind in Paizhou Mangelware, seit die große Flut im August vergangenen Jahres die Provinz heimsuchte, Menschen mit sich fortriß und Häuser zerstörte, auch das Schulgebäude. Der Unterricht in Paizhou findet in drei Leinenzelten statt. Doch nicht mehr lange: Bald wird es in Paizhou wieder eine richtige Schule aus Stein geben.

Der Rohbau steht bereits, ein dreistöckiges Gebäude, das den Kindern bei einer nächsten Flut mehr Schutz bieten soll als das alte. Denn nach dem Jangtse-Dammbruch im August wurden die in der Provinz üblichen zweistöckigen Häuser wurden vom Hochwasser überspült. Die Bewohner mußten sich auf Bäume und Dächer flüchten. Viele Menschen ertranken.

Die Jahrhundertflut machte 14 Millionen Menschen in China obdachlos. Über 200 Millionen Menschen - ein Fünftel der Bevölkerung - leiden unter den Folgen des Hochwassers, verloren ihre Felder, ihren Besitz, trauern um Verwandte. Offiziell wurden 3000 Tote gezählt, vermutlich waren es sehr viel mehr.

Aus dem Zentrum der Katastrophe, der Jangtse-Flußebene in der Provinz Hubei, erfuhr die Weltöffentlichkeit nur wenig, denn die Behörden verhängten eine Nachrichtensperre.

Längst haben die örtlichen Fähren über den Jangtse in Paizhou ihren regulären Betrieb wieder aufgenommen. Das ehemalige Überschwemmungsgebiet läßt sich im kalten Winterregen mühelos bereisen; die Nachrichtensperre ist aufgehoben. Doch seit die Fluten zurückgewichen sind, interessiert sich die Öffentlichkeit in China nicht mehr dafür, wieviel Tote man in Paizhou wirklich zählte.

Die Bäuerin Zhang Xiuzhen

kocht unter einer Plastikplane auf einem kleinen Holzfeuer Reis. "Ich hatte drei Töchter und eine Enkeltochter", sagt die 68jährige. "Als der Damm brach, verschwanden sie im Wasser. Nicht einmal ihre Leichen wurden gefunden."