Von unserer Seite der Bucht, die im hohen Norden Schottlands fjordähnlich ins Landesinnere züngelt, sieht der Sgurr Mór aus wie das Matterhorn. Eine schlanke Felspyramide mit scharfen Kanten und gebogener Spitze. Das schottische Matterhorn ist gerade mal 1110 Meter hoch. Es ragt hinter dem von Herbststürmen aufgewühlten Meer und etlichen Vorgipfeln in den windzerzausten Himmel der West Highlands. Über Nacht hat es geschneit. Wenn Schnee liegt, sehen Berge höher aus, als sie sind.

Und wenn ein Sturm aus Ost oder Nordost den Schnee in metertiefen Wächten und Verwehungen im Windschatten der Gipfelpyramide abgeladen hat, ist eine Skioder Snowboardtour auf den Sgurr Mór eine hochalpine Unternehmung. Aber davon später.

Beginnen wir von Anfang an. Skifahren in Schottland ist ein Wechselbad zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Meistens zu Tode betrübt. Oder, gewappnet mit der britischsten aller britischen Tugenden, nämlich sich bei allen Unbilden des Wetters dennoch zu amüsieren, ein bitteres Trotzdem. Mein älterer Sohn wollte das Snowboarden lernen. So buchten wir vor einigen Jahren um Weihnachten herum einen Dreitagekurs in Aviemore, dem im Zentrum der Highlands gelegenen "Mekka" der schottischen Wintersportler.

Aviemore ist - sagen wir es einmal diplomatisch - Geschmackssache. Der in den sechziger Jahren mit Regionalentwicklungsmillionen in das schöne Tal des berühmten Lachsflusses Spey gedonnerte Hotelort ist eine architektonische Mischung aus Berliner Alexanderplatz und Blackpool. Die Hotels verfielen schon bald. Ein Schwimmbad mußte wegen Baufälligkeit schließen. Das rissige und bröckelnde Retortenprojekt verdankt seine schäbige Erscheinung einem nie ganz aufgeklärten Schmiergeldskandal. Der Innenminister verlor seinen Job. Jetzt wird der Ort mit neuen Regionalentwicklungsgeldern wieder aufgemöbelt.

Neben den Hotels gibt es eine Gocart-Bahn und ein ganzjährig geöffnetes "Weinachtsland" mit einer von der Eiscremefirma Walls finanzierten Winterlandschaft. Aber auch diese Attraktionen vermochten einen Einbruch bei der Zahl der Wintersportgäste von 363 000 vor zehn Jahren auf gerade 96 500 im vergangenen Winter nicht zu stoppen. Aviemore leidet nämlich neben seinen baulichen Mängeln unter einem für einen Skiort etwas hinderlichen Manko. Die zur Ausübung des Sports notwendige Unterlage ist eine Seltenheit. Unter der Nummer 0891-20 08 04 kann man einen Schneebericht abrufen. Meistens erzählt eine auf charmante Art tief enttäuschte Stimme von widrigen Witterungsbedingungen, vereisten Pisten oder, falls tatsächlich mal Schnee liegt, von Sturmböen, die den Betrieb der Sessellifte verhindern.

Dafür brauchten mein Sohn und ich unseren zum Gruppentarif gebuchten Snowboardlehrer mit niemandem zu teilen. Wir trafen uns zu dem preiswerten Privatunterricht auf einem riesigen Schotterplatz am Fuß der Cairngorms, des Hausgebirges von Aviemore. Die Cairngorms liegen knapp 20 Kilometer südöstlich des "Wintersportortes" und sind angeblich eines der schützenswertesten Naturgebiete Großbritanniens.

Vom Parkplatz aus sahen wir ein trübselig verwahrlostes Skigebiet, verrostete Lifte, umgeblasene Schneegitter, durch Erosion aufgebrochene Geröllhalden. Und ein trostloses Restaurant mit Plastikgestühl wie in der Wartehalle eines Bahnhofs.