Noch vor zehn Jahren war der Düsseldorfer Hafen ein verlorener Ort - die Ladekräne stillgelegt, die Speicherhäuser verrottet. Geflissentlich übersah die Stadt ihr heroisches Ensemble aus der Zeit der Transportrevolution, um sich keine Gedanken über dessen weiteres Schicksal machen zu müssen. Nur einer witterte in dem Niemandsland die Chance für einen Neuanfang: Thomas Rempen. Der Düsseldorfer Werbegestalter brachte den Stadtrat auf die Idee, das Brachland in eine "Meile der Medien und Kreativen" zu verwandeln. Dankbar griffen die Stadtväter den Vorschlag auf, enthielt er doch den Nukleus einer Stadtvermarktungsoffensive, mit der man dem medienmächtigen Köln Paroli bieten konnte.

Dieses eine Mal scheint es den ewigen Underdogs vom Niederrhein gelungen zu sein, den Kölnern von der anderen Flußseite ein Schnippchen zu schlagen. Das dortige Mediaparkprojekt ist gescheitert, wie Rohbauruinen und umgeschlagene Ökoteiche sinnfällig dokumentieren - in Düsseldorf hingegen wuchs ein erstaunlicher Architekturpark. Gleich mehrere Baumeister von Weltruf ließ man am Hafenkai ihre Marken setzen. Zu den gelungenen Beispielen zählen das wuchtig-sinnliche Betonhaus von David Chipperfield genauso wie der geplante "Wolkenbügel" des Holländers Jo Coenen. Der poetische Entwurf eines Bürohauses von Steven Holl hätte ebenfalls zu einem beeindruckenden Gebäude führen können, allerdings bekamen die Auftraggeber nasse Füße und bauten nur eine Schmalspurversion. Stadteinwärts erhebt sich die Höhendominante des baukünstlerischen Themenparks: das hoch aufschießende "Stadttor" (Architekten: Pink & Petzinka), in dem Ministerpräsident Clement vor kurzem seine Staatskanzlei untergebracht hat. Allerdings wirkt die monumentalité à la Mitterrand des rhomboid verzogenen Glaskastens in einer so braven Stadt wie Düsseldorf fast ungewollt komisch.

Die eigentliche Attraktion des Hafens wird jedoch gerade erst fertig und an diesem Wochenende groß gefeiert: der neue Zollhof mit seinen drei organisch aufkeimenden Türmen des Architekten Frank Gehry. Mit ihm erhält der Hafen sein signature building, ein Zeichen, das große Besucherscharen anlocken wird - ohne sie zu empfangen. Denn das eigenwillige Trio ist kein öffentlicher Ort, anders als es seine Architektur der Aufmerksamkeit suggeriert. Alle drei Türme beherbergen Büros, im mittleren und schönsten residiert Rempens Werbeagentur.

So muß sich der Flaneur mit der Fassade begnügen, einer Oberfläche, die ihren Reiz daraus zieht, daß sie ihr Innenleben zu verbergen weiß. Hat man einmal hinter die Kulissen geschaut, läßt die Wirkung des Zaubers spürbar nach. Der Faszination der glänzenden Fassade aus gefalztem Edelstahl folgen recht banale Interieurs. Solide, nicht aufregend. Letztlich kaschiert die Kurvendynamik der Außenhaut eine zweihüftige Bürokiste, in organische Kuchenform gepreßt.

Wirkt diese Bezugslosigkeit von Hülle und Volumen architektonisch schlichtweg enttäuschend, so erscheint sie vor ihrem kulturellen Hintergrund fast wieder schlüssig. Man vergißt in Europa leicht, daß Architektur in den USA weniger als Teil der Kultur denn des Immobiliengeschäfts gesehen wird. Relevant wird sie nur als Logo, als Pop-Image - man denke an Las Vegas oder Miami. Als amerikanischer Architekt hat Gehry diese Lektion früh gelernt; er hütet sich, seine Bauherren mit Gestaltungswünschen zu behelligen, die etwa Vermietungschancen beeinträchtigen könnten. Der spielerische Kopf konzentriert seinen plastischen Formtrieb vornehmlich auf die architektonische Hülle.

Ein kapriziöser Tribut an das Material der Umgebung

Das zeigt sich in Düsseldorf auch an der unterschiedlichen Materialwahl für die drei Turmfassaden - Edelstahl, Putz und Klinker. Die letzteren beiden sind als Tribut an die Umgebung mit ihren Klinker- und Putzbauten gedacht. Doch kommt diese Geste nicht über eine Absichtserklärung hinaus - um sich tatsächlich mit der Umgebung zu verbinden, bleibt die Architektur zu kapriziös. Bei einem Architekten wie Gehry, der weltweit für seine Fetischobjekte bewundert wird, wirkt diese selbstauferlegte Zurückhaltung so unentschieden wie bei einer Domina, die den Latexbody gegen die Hausfrauenschürze austauscht, um ihre Kunden nicht über Gebühr zu erregen.

Als eine beeindruckende bautechnische Innovation wird dieser Bau dennoch in die Architekturgeschichte eingehen. Normalerweise wäre es schier unmöglich gewesen, die vielfach gewellten und in sich verdrehten Außenwände aus Beton anzufertigen. Eine entsprechende Schalform, in die man den Beton schütten kann, wäre unverhältnismäßig teuer. Das neue, hier erstmals verwendete Verfahren erspart hingegen den aufwendigen Schalplan: Zuerst wird die Wand im Computer modelliert, in einem zweiten Schritt berechnet er die Negativform, um diese anschließend mit einer computergesteuerten Fräse aus einem Styroporblock herauszuschneiden. Dann wird die Schalform mit Beton ausgegossen, das fertige Mauerstück wird auf den Bauplatz transportiert und hier an der vorgesehenen Stelle montiert.

Es ist nicht ohne Pikanterie, daß sich diese Kombination aus industrieller Vorfertigung und Vorortmontage im Prinzip nicht von der Plattenbauweise unterscheidet, mit der vor allem in den Ländern des einstigen Ostblocks ganze Städte hochgezogen wurden. Der Preis für jene Optimierung war jedoch der Zwang zur absoluten Standardisierung im formalen Repertoire der Architektur. Erst das neue, von Gehry praktizierte Computer-Aided Manufacturing (CAM) ermöglicht es, das fordistische Denken in der Architektur zu überwinden. Der Düsseldorfer Zollhofkomplex könnte zur Inkunabel dieses Paradigmenwechsels werden. Von nun an stimmt das eherne modernistische Dogma nicht mehr, daß ein Gebäude um so preiswerter wird, je standardisierter die Teile sind, aus denen es besteht. Für den Computer macht es keinen Unterschied, ob er eine ebene oder hyperbolische Platte aus dem Styroporblock ausfräst. Da der Arbeitsvorgang vollständig automatisiert ist, bleibt der Herstellungspreis im wesentlichen gleich.

Über dem Ensemble ein Hauch von Schlumpfhausen

In diesem Punkt geht Gehrys Düsseldorfer Projekt sogar noch weiter als sein Silberfisch in Bilbao. So futuristisch sich die spanische Guggenheim-Dependance in ihrer kühnen Formgebung ausnimmt, so konventionell bleibt sie doch in der Konstruktion: ein Stahlgerüst, das innen ausgefacht und außen mit einer Verkleidung behängt wird. Gehrys wehende Wände in Düsseldorf lassen hingegen die Vision einer anderen Architektur erahnen, in der Konstruktion und Haut zu einer tragenden Hülle verschmelzen. Doch diesen letzten Schritt, den der österreichische Avantgardist Friedrich Kiesler mit seinem Endless House bereits in den dreißiger Jahren antizipierte, wollte oder konnte Gehry in Düsseldorf noch nicht tun. Obwohl massiv ausgegossen, tragen die Außenwände nur sich selbst und nicht die Last der Geschosse. Diese Funktion wird wie in einer ganz normalen modernen Baukonstruktion von etlichen runden Pfeilern übernommen, die direkt an der Innenseite der Außenwände plaziert sind.

Ein fader Nachgeschmack bleibt also nicht aus. Um so mehr als die Kluft zwischen Versprechen und Wirklichkeit in den beiden flankierenden Türmen noch stärker zum Ausdruck kommen wird (sie werden im kommenden Sommer von den Mietern bezogen). Im Verhältnis zu dem fast barock ondulierten Fassadenkleid des Mittelturms erscheinen ihre massigen Volumen ansatzweise plump und plastisch zu wenig differenziert. Ein Hauch von Schlumpfhausen schwebt über dem Ensemble. Aber vielleicht liegt darin auch der zukünftige gemeinsame Nenner der Hafenmeile als städtebauliches Experiment der neunziger Jahre. Mit Blick auf das Scheitern postmoderner Planungsexzesse wurde für das Gebiet um die Kaistraße auf einen sogenannten Masterplan verzichtet. Statt penibel Traufhöhen, Abstandsflächen und Geschoßflächenzahlen vorzuschreiben, vertraute man darauf, daß sich die Architektur ihren Stadtraum selbst erzeuge. Das Ergebnis fällt bislang ambivalent aus. Zu groß sind die Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen Bauten und zu narzißtisch buhlen sie häufig um die ungeteilte Gunst des Publikums.

Die Deregulierungsstrategie eines "weichen Planens" behält dennoch ihre Relevanz. Die Düsseldorfer Stadtplaner scheint hingegen der Mut verlassen zu haben: Für die weitere Entwicklung der Hafenmeile entlang der Speditionsstraße wurde wieder ein "richtiger" städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben, obwohl bis dato kaum konkrete Nutzer noch deren Nutzungsvorstellungen bekannt sind. Herauskommen werden also viel Laufmeter sinnlos gefüllter Aktenordner - so etwas wird Thomas Rempen mit seiner "Meile der Medien und Kreativen" dann wohl doch nicht gemeint haben.