Mit wachsender Beklemmung las ich diesen sehr gescheit geschriebenen Artikel. Darin gibt es die Stelle, in der es heißt, Opfer zu sein, sei keine große Ehre, und es wäre besser gewesen, wenn sie es weniger akzeptiert und mehr für sich getan hätten, wo es doch möglich war. Ich muß gestehen, beim Lesen dieser Stelle wollte ich die Zeitung zerknüllen. Denn da mußte ich mir die Frage stellen: Weiß der Schreiber vor lauter moralisierenden Empfehlungen an die Adresse der Opfer und ihrer Nachkommen überhaupt, wovon er schreibt?

Ich habe an meine Mutter gedacht, die alles daransetzte, ihre beiden Söhne ins sie eventuell schützende Ausland zu schicken, und die mutig zurückblieb, um ihren Mann erst aus Dachau und später schließlich aus Buchenwald freizubringen. Sie wurde deportiert aus Frankreich und ist in Auschwitz umgekommen. Was hätte sie mehr tun können, ihre Opferrolle nicht hinzunehmen? Ich frage Sie, Herr Konrád!

Dabei sind noch ihre Schwestern, ihr alter Vater und dessen Schwester sowie viele andere der Familie den gleichen Leidensweg gegangen. Einzig zwei ihrer Brüder haben das Grauenhafte überlebt. Und solche Familien gab und gibt es viele.

Deshalb kann ich und will ich auch nicht so emotionslos mit dieser Geschichte umgehen, und ich glaube, es existiert eine Pflicht, diese Leiden und das sie verursachende Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Vermutlich fühlt dies Herr Bubis auch so. Ich für meinen Teil beanspruche das als mein Recht!

Es gehört wahrscheinlich zu Herrn Konráds Selbstverleugnung, Juden zu möglichen Mittätern der Nazihorden in den Vernichtungslagern zu machen, die seine Landsleute drangsalierten. Vielleicht hätte er auch schreiben sollen von den vielen, die ihr erbärmliches Stück Altbrot und ihre Decken den im Freien die Nacht verbringenden Todeskandidaten überließen, die auch aus seiner Heimat stammten.

Erich Billig-Baumvart Corseaux, Schweiz