Hundert Tage rappelt er jetzt schon. Hat etliches an- und noch mehr umgestoßen. Hat viele seiner Träume abgerieben, doch noch immer sind die Ideen so fix wie sein Kopf. Den Optimismus des Quirlgeists läßt er sich nicht nehmen. Sonst hätte er auch aufhören müssen, bevor alles anfing.

Denn schon in seinem ersten Interview brach es aus ihm heraus, lustvoll provozierend und unbedacht: Er sei gegen ein Holocaust-Mahnmal, sagte er in die ZDF-Kamera. Warum und wieso, das war damals nicht so wichtig. Hauptsache, gegen die Favoriten des alten Kanzlers, Hauptsache, gegen Peter Eisenman.

Später dann, als Michael Naumann fast schon der Staatsminister für Kultur war, lieferte er die Erklärung nach: Dem Mahnmalsentwurf mit seinen vielen tausend Betonstelen attestierte er die Monumentalität eines Albert Speer, die müsse verhindert werden. Ebenso wie der Schlußstrich unter die deutsche Vergangenheit, die einem Mahnmal verstaatlichter Erinnerung nun einmal eigen sei. Sprach's, und prompt vermeldete die Tagesschau, die Stelen seien abgeräumt. Sie kannte den Zickzackmenschen Naumann schlecht und seine Begeisterungsfähigkeit ebensowenig.

Denn obwohl viele gute Argumente ihn nicht hatten überzeugen können, so ließ er sich doch entflammen - als er das erste Mal vor dem Modell des Mahnmals stand. Das war im Dezember. Nach Monaten der Ablehnung bewies er jetzt seine Fähigkeit zur Volte. Und ließ seine Überzeugungskraft spielen. Schließlich, nach langem Zögern, willigte der Architekt Eisenman ein, jenen Kompromiß zu wagen, der den Stelenwald vereinen sollte mit dem von Naumann gewünschten "Haus der Erinnerung", in dem eine Bibliothek, Ausstellungsräume, das New Yorker Leo-Baeck-Institut und eine Völkermord-Forschungseinrichtung untergebracht werden sollten.

Mit dieser völlig überraschenden Einigung war der Kulturminister aus der Pflicht - er durfte aufatmen, das Gestoppel hatte ein Ende. Keine gutgemeinten und kurzgedachten Alternativkonzepte mehr! Künftig trägt der Architekt die Verantwortung. Wie schwer die wiegt, bekam dieser bereits am vorigen Wochenende zu spüren. Kaum war durchgesickert, daß Eisenman seinen Entwurf umplane, da fiel die Kritikerriege über ihn her - als käuflich und kopflos wurde er beschimpft, sein Entwurf sei nichts weiter als ein "provinzielles Monster". Niemand hatte bis dahin das neue Modell zu Gesicht bekommen, nichts war bekannt über die Gestalt der Museumstrakte und ihre Anordnung. Doch der Verräter war ausgemacht.

Dabei wird das Feld der fast 3000 Betonstelen, anders als in vielen Berichten zu lesen war, keineswegs radikal verkleinert: Nur einen Randstreifen des fußballfeldgroßen Geländes räumt Eisenman für die didaktischen Einrichtungen. Auf der Seite zum Brandenburger Tor soll ein sehr langer, sehr schmaler Riegel entstehen, der das Mahnmal zur Behrenstraße mit einer 20 Meter hohen, schwarzen Stahlfassade abschirmt. Zum Stelenfeld hin zeigt dieser Riegel hingegen ein gläsernes Gesicht und erinnert an ein übergroßes Bücherregal - hier soll eine Fachbibliothek mit vielen hunderttausend Bänden zum Thema "Holocaust" einziehen. Parallel zu diesem Regal streckt sich ein leicht geschwungener zweiter Riegel, der ganz aus Glas besteht; zwischen beiden Baukörpern liegt eine Gasse, ähnlich einer Schlucht. Von dieser aus gelangt man durch den gläsernen Riegel in die Museums- und Institutsgebäude: fünf separate Blöcke, von denen einige sich in mehrere kleinere Kuben aufgliedern. Hier kommt der Besucher in den unterirdischen Teil des Museums, er kann hineingehen in vier Gebäudefinger, die sich fast bis zur Mitte des Stelenfeldes strecken. Doch gerät die Ankunft im Untergrund nicht zur Sackgasse - am Ende der Tunnel darf man über Schächte emporsteigen in das überirdische Wellental des Mahnmals.

Eisenman verzahnt also beide Teile seines Entwurfs, den didaktischen und den symbolischen. Auch in der Formensprache der Gebäude ist das Motiv der schlanken Betonstele und ihres rechteckigen Grundrisses überall gegenwärtig. Die räumliche Erfahrung der Enge kehrt in den Museumsbereichen ebenso wieder wie die Polarität von Transparenz und Begrenzung. Die Übergänge zwischen dem "Haus der Erinnerung" und dem Stelenfeld sind vorbereitet und vermittelt: Sie sind spürbar, doch nicht abrupt.