Die jährliche Wintertagung des Deutschen Atomforums Anfang dieser Woche in Bonn vermittelte nicht gerade den Eindruck, es könne eine der letzten gewesen sein. "Regierungen kommen und gehen, die Kernenergie bleibt bestehen", tat Wilfried Steuer, der Präsident dieses Vereins zur Förderung der Kernenergie, kund und rief die versammelte Atomgemeinde zu Geschlossenheit auf.

Derweil ventilierten Vertreter der Energiewirtschaft und der Bundesregierung im Kanzleramt, wie der Atomwirtschaft im Konsens das Ende bereitet werden könnte. Schon nach zwei Stunden verkündeten ein gutgelaunter Kanzler Gerhard Schröder und ein zufriedener Kraftwerkssprecher Manfred Timm, was Schröder der Branche bereits am Vortag in vertraulichem Tête-à-tête versprochen hatte - die strittige Einjahresfrist bis zum Ende der deutschen Plutoniumwirtschaft sei vom Tisch. Timm machte aber auch klar, daß die Branche keineswegs freiwillig aus der Kernenergie aussteigt. Sie akzeptiert nur erklärtermaßen den Vorrang der Politik.

Da ist es für die Grünen eher ein schwacher Trost, daß auch die Handschrift des Koalitionspartners nicht recht zu erkennen ist. "Die Schrammen sind gleichmäßig verteilt", resümiert der grüne Fraktionschef Rezzo Schlauch die erste Konsensrunde. Die Sozialdemokraten sind den eindringlich vorgetragenen Argumenten der Stromkonzerne gefolgt. Doch weil der Ausstieg das Herzensanliegen der Grünen ist, sind sie es, denen die Niederlage zugerechnet wird. Es ist die schwerste in der noch jungen Koalition.

Fast wäre die Runde geplatzt, ehe sie begann. Wenige Tage vor dem Treffen hatten die Unternehmer dem Kanzler signalisiert, die Gespräche seien sinnlos, wenn die Regierung an der von Umweltminister Jürgen Trittin vorgelegten Atomnovelle festhalte. Die Stromunternehmen hatten in dem Gesetzentwurf allerlei Tricks entdeckt, mit denen sich der auf längere Sicht angelegte Ausstieg aus der Kernenergie leicht zum Einstieg in ein schnellstmögliches Ende hätte umfunktionieren lassen.

Schon als Schröder und SPD-Fraktionschef Peter Struck zum Wochenbeginn überraschend angekündigt hatten, der Kabinettsbeschluß über Trittins Atomnovelle müsse wegen handwerklicher Mängel und weiteren Abstimmungsbedarfs verschoben werden, ahnten die Grünen, daß es um mehr als die Beseitigung juristischer Unklarheiten ging. Fraktionschefin Kerstin Müller legte Potest gegen die Verschiebung ein; die grüne Parteichefin Gunda Röstel machte sich Mut, der neue Terminplan bedeute "keinen Freibrief für inhaltliche Änderungen" am Gesetzentwurf. Doch daß die offizielle Begründung mit den wahren Gründen für den Aufschub der Novelle wenig zu tun hatte, wußte die grüne Führung bereits am Wochenende.

Stein des Anstoßes war das Verbot der Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoff bereits vom kommenden Jahr an. Die Wiederaufarbeitung gilt bisher als Entsorgungsnachweis, ohne den kein Atommeiler betrieben werden darf. Dafür hatte die Koalition beschlossen, künftig die direkte End- und Zwischenlagerung von Atommüll als einzigen Entsorgungsnachweis gelten zu lassen. Der weitere KKW-Betrieb schien immerhin gesichert.

Doch die derzeit vorhandenen Lagerkapazitäten für strahlenden Müll sind begrenzt, Neu- und Zubauten an den Kraftwerksstandorten können drei bis vier Jahre dauern. So war nicht auszuschließen, daß dem einen oder anderen Meiler der Entsorgungsnachweis abhanden kommt. Dann hätte man abschalten müssen. So wurde kalte Aus um so wahrscheinlicher, als auch nicht ausreichend Behälter vorhanden sind, um den Müll notfalls ins große Zwischenlager nach Gorleben zu transportieren.