Irgendwann hatte David Müller die Nase gestrichen voll. Zwölf Jahre Lehreralltag an Berufs- und Gesamtschulen, zwölf Jahre überfüllte Klassen, ausgelaugte Kollegen, gelangweilte Schüler, stetes Einerlei immer gleicher Themen und Strukturen. "Wenn ich dreimal weinend aus der Schule komme", hatte sich der 51 Jahre alte Mann geschworen, "nehme ich meinen Hut oder suche neue Wege, die Schule besser zu machen."

David Müller ging nicht, sondern reduzierte seine Stundenzahl und studierte nebenher an der Hamburger Akademie Modedesign. Kleidung als "kultureller Bestandteil der Persönlichkeit", das hatte ihn schon immer fasziniert. Eines Abends bei einer Flasche Chianti kam die Idee: Wieso mache ich das nicht in der Schule? Genau das ist es doch, was Schülern fehlt: die Möglichkeit, sich selbst auszuprobieren, etwas sinnlich zu erfahren und nicht nur kognitiv zu erfassen.

"Es macht total Spaß, Kleider selbst zu entwerfen", sagt Antonia. "Es ist schön, die Freiheit zu haben, einen eigenen Geschmack zu entwickeln." Die Schüler dürfen bei Lehrer Müller jedoch nicht einfach drauflosschneidern. Farben, Material und Leitmotive gibt er vor. Zum Beispiel: Kleidung nur aus Dreiecken fertigen. Aber mit dem Papierentwurf schmeißen sie sich gern in stolze Fotopose. Ritsch, ratsch, Müllers Polaroid wirft das Bild aus. "Das ist ein wichtiger Bestandteil: Produktstolz entwickeln", sagt David Müller.

Seit nunmehr 1992 unterrichtet der Lehrer Modedesign an der Erich-Kästner-Gesamtschule. Was anfangs von den Kollegen bekichert wurde, hat sich längst etabliert. An fünf Gesamtschulen in Hamburg können Schüler von der 3. bis zur 13. Klasse Modedesign als Wahl(pflicht)kurs wählen. Ein bundesweit einmaliges Angebot an allgemeinbildenden Schulen. Nach langem Zögern - Mode gilt immer noch ein wenig als zeitgeistiger Tinnef - hat die Schulbehörde das Fach als Schulversuch genehmigt. Zwei Jahre bleibt einer Arbeitsgruppe Zeit, die vorläufigen Lehrpläne für das Fach weiterzuentwickeln.

Kleidung hilft dabei, die Persönlichkeit zu entwickeln

"Ästhetische Erziehung darf in einer von Technik bestimmten Welt nicht vernachlässigt werden", sagt Müller. "Die meisten Fächer an unseren Schulen sind kopflastig. Das verhindert emotionale und sinnliche Erfahrungen." In Müllers Modedesignkursen ist das anders: Hier sollen die Schüler sich ausprobieren, ihre Kreativität entwickeln und sich mit dem eigenen Körper und seiner Entwicklung auseinandersetzen. Es geht Müller eben nicht um "hippe" Klamottenkunde für Technokids. Kleidung war für ihn schon immer mehr als lästige Hülle: ein Medium, um die Persönlichkeit zu entwickeln. "Geschmacksbildung ist ein bewußter Ausdruck individueller Persönlichkeit und Identität - ein wichtiger Faktor zur Stabilisierung des Selbstbewußtseins. Doch in der Schule werden die Kinder damit allein gelassen", sagt Müller, der aussieht, wie man es von einem Modedesignlehrer erwartet: knappe HipHop-Mütze, Ohrring, schwarze Jeans, das weiße Hemd unter der braunen Breitcordweste lässig hervorgezogen, als Krönung eine karierte Fliege. Mode ist Müllers Metier.

Dabei kommt es dem engagierten Pädagogen nicht auf die Hosen und Westen, Jacken, Kleider und Hüte an, welche die Schüler in seinem Unterricht anfertigen. Noch weniger geht es um trübe Theorie. Entscheidend ist die Methode, die sich weder in starre Unterrichtseinheiten noch in einen 45-Minuten-Takt pressen läßt. "Die Schüler sollen selbständig und problemorientiert handeln", sagt Müller, "sie können sich über abstrakte Konstruktion oder Rumprobieren am eigenen Körper ihren Weg von der Idee zum Produkt entwickeln." Und damit die Ideen von Sahra und Kristina, Nadja und Laura, Antonia und Fredericke nicht in der Beliebigkeit versinken, sondern die Mädchen sich mit eigenen Wünschen, Grenzen und Möglichkeiten auseinandersetzen, sind klare Aufgabenstellungen didaktische Grundregel. Zum Beispiel: eine Weste herstellen nur aus Dreiecken. Oder: aus drei übereinanderliegenden Secondhand-Karohemden eine Jacke mit einem neuen Verschluß zaubern.