Genau 171657 junge Männer haben 1998 den Wehrdienst verweigert - seit Einführung des Zivildienstes 1960 gab es noch nie so viele Verweigerer in einem Jahr. Und während man 1961 gerade einmal 340 Zivis im Bundesgebiet zählte, arbeiteten im vergangenen rund 140000 anerkannte Kriegsdienstverweigerer zum Beispiel in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder im Katastrophenschutz. Doch man kann den Zivildienst auch außerhalb Deutschlands ableisten, was aber immer noch eine Ausnahme ist. Nur 837 Zivis waren vergangenes Jahr im Ausland.

Die Berliner Ole Nicolaisen, 23, und Sven Peetz, 21, gehören zur kleinen Schar jener Zivis, die den sogenannten anderen Dienst im Ausland absolviert haben. Sven Peetz bewarb sich bei der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste um eine von 24 Stellen in den Niederlanden. Die Organisation vermittelt ungefähr 90 junge Deutsche pro Jahr in andere Länder, von denen die allermeisten das Abitur gemacht haben. Ole Nicolaisen indes ging für den Internationalen Christlichen Friedensdienst Eirene nach Chicago in die Vereinigten Staaten.

Doch vor dem Schritt über die Grenze standen Hürden. Sven und Ole mußten ein Auswahlseminar überstehen, in dem sie auf körperliche und seelische Belastbarkeit geprüft wurden. "Es ist nicht einfach, in einem fremdem Land zum erstenmal auf eigenen Füßen zu stehen und gleichzeitig in ein Projekt eingebunden zu sein", sagt Ralf Ziegler, Ansprechpartner für die Eirene-Programme in Irland und in den Vereinigten Staaten. Menschen, die den Auslandsdienst als Fluchtmöglichkeit sehen, um vor Problemen in der Heimat wegzulaufen, versucht man von vornherein auszusieben. "Bei den Projekten handelt es sich um Jobs, bei denen die jungen Männer gefordert werden. 60-Stunden-Wochen können schon vorkommen", sagt Ziegler.

Ole Nicolaisen empfahl sich durch seine Sprachkenntnisse; in der Schule hatte er Englisch und Spanisch gelernt. Er arbeitete von Januar 1997 bis Juni 1998 in einem Obdachlosenheim für lateinamerikanische Familien in Chicago. Dort kümmerte er sich um die Einhaltung der Hausordnung, beantwortete Fragen, kaufte ein oder half bei der Vorbereitung des gemeinschaftlichen Abendessens. Sein Zimmer lag auf demselben Gang wie jene der Obdachlosen, mit denen er sich das Bad teilte. "Die eineinhalb Jahre waren im Rückblick sicher nicht immer rosarot", erinnert sich der junge Berliner, der inzwischen Politik und Soziologie an der Humboldt-Universität studiert. "Häufig war es sehr anstrengend, aber ich würde es auf jeden Fall wieder machen."

Zivil- und Auslandsdienst müssen gleichgestellt sein

Sven Peetz arbeitete von März 1997 bis September 1998 im niederländischen Haarlem, und zwar in dem ökumenischen Kirchenprojekt Stimme in der Stadt. Er war Hausmeister des Auffanghauses für abgewiesene Asylbewerber, half in der Verwaltung und sprach in einem Café mit einsamen Menschen, bedürftigen Senioren und Obdachlosen. "Für mich war es wichtig zu merken, daß ich relativ selbständig leben kann", sagt er.

Da es für den Dienst im Ausland zwar Richtlinien, aber keine staatlichen Zuschüsse gibt, müssen die Kandidaten im Vorfeld in eigener Sache werben und eine Art Förderkreis aufbauen. Dessen Mitglieder sollten im Monat insgesamt 300 bis 350 Mark für das Projekt lockermachen. Die Aktion Sühnezeichen verlangt zusätzlich vom Kandidaten eine Selbstbeteiligung von 1000 Mark.