Was den Sex angeht, war 1998 kein berauschendes Jahr. Ein Präsident wurde angeklagt, weil er sich ein paar stümperhafte Annäherungsversuche hinter einer Badezimmertür geleistet hat. Der nackte Körper von Nicole Kidman hat uns vorgeführt, wie aufregend Theaterkritiker eine zellulitisfreie Bühne finden. Das Geräusch verbrutzelnder Insekten, das in dem Stück The Blue Room für Sex steht, sagt viel darüber aus, wie wir Sex heute betrachten: als Sache, die in Luft aufgelöst werden muß, bevor sie uns attackiert. Ekstase ist längst keine Variable mehr in der Gleichung.

Wie konnte Sex nur etwas so Anrüchiges werden? Daß er viel Ärger macht, wußten wir schon immer, aber jetzt ist er den Ärger nicht einmal mehr wert. Unser letzter geschlagener Präsidentschaftskandidat Bob Dole zieht als Werbeträger für Viagra durchs Land (für einen nicht bekannten Betrag), während unser Präsident wegen seines Penis in Ungnade gefallen ist. Larry Flint ist der, der zuletzt lacht. Wie viele gebeichtete Ehebrüche-die-nicht-zählen wird man uns noch auftischen, bevor dies alles vorüber ist? Und wie viele weitere hastige Rücktritte?

Die Amerikaner hatten schon immer eine etwas andere Einstellung zum Sex als der Rest der Welt. Für den Rest der Welt ist Sex ein uraltes Vergnügen. Für den Amerikaner ist Sex eine Prüfung und ein Kampf. Die vielen Erzpuritaner im Repräsentantenhaus, die so hingerissen von Meineid sprachen, schwärmten im Grunde nur vom unbezähmbaren Penis des Präsidenten. Wie kann er es wagen, uns mit dem Ding derart vor der Nase herumzuwedeln? "Gib zu, du hast gelogen!" heulte der Lynchmob. Aber jedem war klar, daß der Mob ihn zerreißen würde, wenn er die Lüge zugegeben hätte. Der nicht vollzogene Oralsex, das Herzstück dieses erbärmlichen Skandals, ist, wie alles, was mit der Lewinsky-Affäre zusammenhängt, eine Niederlage auf der ganzen Linie. Monica Lewinskys unsterblicher Einzeiler lautet: "Ich liebe dich, Arschgeige." Soviel zur Liebesdichtung in unserem Zeitalter.

Monica Lewinskys frühere Freundin Linda Tripp stellte allerdings die richtige Diagnose. "Er ist ein zwanghafter Sexomane", so ihr psychiatrisches Urteil. Tatsächlich hätte die Angelegenheit wohl nie dieses lächerliche Ausmaß erreicht, hätte Bill Clinton vor einem Jahr seine Sexsucht dem - wie es bis zum Überdruß heißt - "amerikanischen Volk" gebeichtet und sich sofort in eine Reha für Sexaholics begeben. Sex als Krankheit ist eine Vorstellung, mit der Amerikaner leben können. Wir haben vielleicht Angst vor Vergnügen, aber Krankheiten lieben wir. Wenn uns erst einmal klar ist, daß wir eine Krankheit vor uns haben, wissen wir genau, was zu tun ist: ihr den Krieg erklären und Geld auftreiben, um den Krieg zu bestreiten. So haben wir es mit dem Kommunismus gemacht. Und wenn Sex nicht der innere Feind ist, was dann?

Krieg gegen Kommunismus, Krieg gegen Drogen, Krieg gegen Krebs, Krieg gegen Sex, Krieg gegen den Persischen Golf; Krieg ist die amerikanische Antwort auf jede verzwickte Situation. Warum aber hat die Bombardierung des Irak die Probleme des Präsidenten nicht gelöst? Weil die "wohlüberlegten Äußerungen", die wir im Fernsehen beobachten konnten, seltsamerweise nicht an die Watergate-Tage erinnerten, sondern an die Blütezeit von Senator McCarthy. Lügen Sie jetzt, oder haben Sie irgendwann einmal gelogen? Lautet die Antwort ja, sind Sie schuldig; lautet sie nein, sind Sie ebenfalls schuldig. Das ist Gerechtigkeit auf den Kopf gestellt - die Spielkartenkönigin aus Lewis Carrolls Alice im Wunderland läßt grüßen.

Was wissen wir inzwischen nicht alles, wovon wir nie geträumt hätten, daß es je öffentlich wird. Henry J. Hyde ist ein bekennender Sünder. Bob Dole wird von Viagra unterstützt. Kenn Starr hat seine Frau noch nie betrogen. Barney Frank steckte seine Rüge ziemlich widerstrebend ein. Bob Livingston war ein Ehebrecher, doch das spielte keine Rolle, denn er hatte es nicht mit einer Staatsbediensteten getrieben. Und dann spielte es plötzlich doch eine Rolle. Eigentlich wissen wir alles, außer den Grund, warum wir uns immer tiefer in dieses ausweglose Chaos verstricken. Den Republikanern hat es nicht geholfen. Es wird auch dem Ansehen unseres Landes in der Welt nicht helfen. Es wird weder die Steuern senken, noch wird es uns eine anständige Krankenversicherung bescheren, die soziale Sicherheit retten, Kinder impfen oder unsere Schulen verbessern; auch Sadam Hussein wird es nicht entfernen. Das Ganze macht uns lediglich vor der ganzen Welt zum Gespött.

Wenn ein Land so offenkundig gegen die eigenen Interessen handelt, darf man davon ausgehen, daß die Pathologie das Heft in der Hand hat. In diesem Fall sind wir unserer eigenen schmutzigen, pathologischen Auffassung von Sex auf den Leim gegangen. Was man dem Präsidenten nicht durchgehen lassen darf, ist nicht etwa die Lügerei, sondern seine bei weitem zu frivole Einstellung zum Sex. Das Problem ist nur, daß er denkt: Ist doch nicht so wichtig. Wenn Clinton nicht das richtige Maß an Reue aufbringen kann, dann nur, weil er nicht versteht, warum die Fummelei hinter Badezimmertüren mit Monica Lewinsky sich plötzlich zum Riesenrechtsstreit ausgewachsen hat.