Paris

Kurz und geschmacklos ist der Witz, der in Paris seit Wochen immer wieder gern erzählt wird, vor allem von national-konservativen Politikern. Daniel Cohn-Bendit, heißt es, sei sehr deutsch geworden - alle dreißig Jahre komme er nach Frankreich zurück.Das ist eine Anspielung auf die Überfälle "der" Deutschen 1870, 1914 und 1940. Und Cohn-Bendit wird dreißig Jahre nach der Studentenrevolte, die er in Frankreich angeführt hat, Spitzenkandidat der französischen Grünen für die Europawahl im Juni.

Gröber waren die Gewerkschaftsfunktionäre der Atomindustrie. "Dreckiger Jude" und "dreckiger Deutscher" beschimpften sie ihn kürzlich vor den Werkstoren der Wiederaufbereitungsanlage von La Hague. Danach stand Cohn-Bendit kurz am Hinterausgang, trat von einem Fuß auf den anderen und redete in den Nebel hinein: "Das packe ich nicht mehr, ich muß nachdenken." Beim folgenden Auftritt vor der Fernsehkamera hatte Cohn-Bendit sich wieder gefangen. Jude und Deutscher, das sei in Ordnung, sagt er sinngemäß, stimme ja auch beides, aber eine Beschimpfung wie "dreckiges jüdisches Arschloch" mache die Auseinandersetzung doch fast unmöglich.

Rabatz machen, austeilen und einstecken, das gehört seit jeher zu Cohn-Bendits Lebensverständnis. Leicht ist er nicht aus der Fassung zu bringen. Als junge Leute an der Universität Nanterre, seiner Wirkungsstätte 1968, beim Jubiläumsauftritt im Mai 1998 mit einer Sahnetorte nach ihm warfen, wischte er sich nicht einmal das Gesicht ab: "Das mit der Torte geht in Ordnung, Kamerad, ich liebe die Provokation - aber jetzt komm her und sag, warum!"

In La Hague flogen vergangene Woche Eier, Tomaten und Jauche. Cohn-Bendit bewegte sich in einem Kamerawald vorwärts. Einem wütenden Arbeiter legt er die Hand auf den Kopf: "Können wir nicht miteinander reden?" Der Mann will sich nicht mit Worten einwickeln lassen und brüllt einfach weiter: "Du willst bloß meinen Arbeitsplatz in die Luft jagen, die ganze Region kaputtmachen, Scheiße anstellen, das ist alles!" Eine Woche später hat Cohn-Bendit den Zusammenstoß zweier Welten zum Erkenntnisgewinn überhöht: "Als ich einem Arbeiter den Kopf streicheln konnte, da hat er mir wichtige Dinge gesagt, und ich habe wichtige Dinge gespürt. Wir müssen diese Debatte führen."

Daniel Cohn-Bendit ist ein Überzeugungstäter. Er will die französische Linke zwingen, sich zu Europa zu bekennen. "Seit Jahren höre ich in Deutschland immer wieder, du bist kein Deutscher. Ich bin Europäer. Ich bin in Frankreich geboren, meine Muttersprache ist französisch. Ich bin der Prototyp des Europäers." Cohn-Bendit ist erst 1958 mit seiner Mutter in das Heimatland seines jüdischen Vaters gekommen, als Zwölfjähriger weinte er jede Nacht, wie er erzählt, aus Sehnsucht nach Frankreich.

Viele Jahre war Daniel Cohn-Bendit staatenlos. Dann bekam er einen deutschen Paß. Zum Studium ging er zurück nach Frankreich. 1968 wurde er ausgewiesen und hatte zehn Jahre lang Einreiseverbot. Der Rückgriff auf eine wahlrechtliche Bestimmung des Jahres 1977 macht es möglich, daß er jetzt bei den Europawahlen in Frankreich kandidiert. Daniel Cohn-Bendit hat immer noch einen deutschen Paß und dazu, seit Dezember 1998, eine französische Aufenthaltsgenehmigung. Gabriel Cohn-Bendit, sein älterer Bruder, ein pensionierter Lehrer, ist Franzose. "Dany" berät sich über Handy mehrmals am Tag mit "Gaby".