Ist jemand gestorben? Nach einer der hier allgegenwärtigen Katastrophen sieht es jedenfalls aus im Zimmer ganz links, erste Etage. Die mehrteilige Streifenmatratze des Schleiflackbetts ist abgezogen, darauf liegt noch ein blutbeflecktes Tuch herum. Sollte es eine finale Attacke gewesen sein, die eine Person hier erlitten hat, so war der Zeitpunkt zum Abtransport ihrer sterblichen Hülle günstig. Denn im festlich dekorierten Speisesaal versammelt man sich soeben zu einer jener opulenten Mahlzeiten, während deren von jeher unauffällig die Leichen fortgeschafft werden. So eingespielt sind Exitus und Neuzugang, daß die Liegekurenden auf ihren sonnigen Bogenterrassen den Vorgang vermutlich wieder mal verdösen werden.

Ein Davoser Tuberkulose-Sanatorium vor dem Ersten Weltkrieg. Das Krankenzimmer ist schätzungsweise 20 mal 20 Zentimeter groß, das Stubenmädchen hat die Höhe eines Bleistifts, das weißemaillierte Waschbecken den Umfang einer Streichholzschachtel, die mattgläserne Deckenlampe ist fingerhutklein. Wir blicken in ein Puppenhaus. Woher die nicht unmakabre Rarität im Davoser Spielzeugmuseum stammt, ist unbekannt, ebenso der Fabrikateur, der eine Lungenheilstätte so penibel nachbildete.

Draußen, unter einer "Himmelsbläue von so übertriebener Tiefe, daß sie ins Schwärzliche spielt", rumpelt auf der verschneiten Promenade von Dorf nach Platz das zeitgenössische Davos seiner Wege, gesund und munter, die Snowboards und Plastikrodel und Carving-Skier zur Schatzalp- oder Jakobshorn-Seilbahn wuchtend. Es ist nicht mehr viel, was in diesem vorgeblich größten Bergsportort der Welt - 350 Kilometer Abfahrtspisten, 2,5 Millionen Touristen-übernachtungen per annum - noch an die Vergangenheit der Schwindsüchtigen erinnert, die aus dem abgeschiedenen Walserdorf seinerzeit einen repräsentativen Versammlungsort der internationalen Gesellschaft machten, ihrer lädierten oder gar moribunden Exponenten freilich.

"Welcher Berg ist denn nun dieser Zauberberg?" wird im Tourismusbüro immer wieder mal von ahnungslosen Sportsnaturen nachgefragt, was an jenen verwirrten, von Thomas Mann in einem Brief erwähnten Engländer erinnert, der sich in Davos erkundigte: "Where is the German san-atorium of Dr. Mann?" Die manchmal etwas verbissenen aficionados literarischer Spurensuche haben die Davoser Thomas-Mann-Lokalitäten inzwischen längst entschlüsselt, aber für den Neuling herrscht immer noch ein arges Schauplatz-Durcheinander:

Ein hochgiebeliges Appartementhotel namens Zauberberg hat nichts mit dem Roman zu tun; das Berghotel Schatzalp, das mit seinen Jugendstillaternen und altmodischen Holzbalustraden weitgehend stilrein die Jahrhundertwende-Atmosphäre des Buches widerspiegelt, leider auch recht wenig. Das historische Vorbild für den Zauberberg, das Sanatoriumsgebäude, in welchem Hans Castorp sieben Jahre lang der Welt abhanden kam, ist heute ein sachlicher Siebziger-Jahre-Kasten mit Rustikalbeizbalkons und der weithin leuchtenden Neonschrift "Waldhotel Bellevue" auf dem Flachdach, voilà der Magic Mountain - hier war's.

Wie viele Originalflair-Erschnüffler sind wohl auf diesem Parkplatz, angesichts von verglastem Sole-Hallenbad und ausgehängter Speisekarte mit "Thomas-Mann-Menü", schon gehöriger Entzauberung anheimgefallen? Die dürfte dann zumindest der Erkenntnis dienen, daß die gesuchte Welt im Buch und sonst nirgendwo vorhanden ist, daß das erhoffte Hoch- oder auch Versunkenheitsgefühl sich nur aus dem Erfundenen, nicht aus dem möglicherweise relikthaft Aufzufindenden speisen kann. Und doch... Warum überläuft es einen halt dennoch bedeutungsvoll, wenn man einen Espresso auf einem jener schlichten Art-nouveau-Stühlchen trinkt, auf denen schon Frau Plür und Frau Maus gesessen haben müssen, der Herrenreiter oder ein Mitglied des Vereins halbe Lunge? Ganze drei dieser Sitzmöbelchen aus dem vormaligen Waldsanatorium Dr. Jessen sind im heutigen Vier-Sterne-Hotel noch präsent - und diese Patienten gab es im Jahre 1912 tatsächlich, als, wie tausendfach kolportiert, Katia Mann dort oben ein halbes Jahr ihre leicht angegriffene Lunge kurierte.

Als ihr damals schon hochberühmter Gemahl sie für ein paar Frühsommerwochen besuchte und sich begierig erzählen ließ von den Absonderlichkeiten des lungenkranken Lebensstils, der "febrilen Hermetik" zwischen Fiebermessen und Flirt, dem "guten und schlechten Russentisch", dem blinden Schweinchenzeichnen, dem nächtlichen Liebeswandel über die Verbindungsbalkons, dem pfeifenden Pneumothorax der Leonie Hirschfeld, die im Zauberberg dann zu Hermine Kleefeld wurde, "in grünem Sweater, mit schlecht frisiertem Haar und dummen, nur halb geöffneten Augen".