Mal angenommen, Sie sind Schriftsteller und suchen eine neue Wohnung. Sie besichtigen gerade ein Objekt, das Ihnen ausnehmend gut gefällt und dazu noch einigermaßen günstig ist. Auch der Makler scheint Sie zu mögen. Alles läuft bestens. Bis der Makler Sie plötzlich fragt, was Sie eigentlich beruflich so machen.

Jetzt haben Sie genau zwei Möglichkeiten: Entweder Sie lügen und sagen irgendwas, in dem die Worte "Bankkaufmann" und "Boni- tät" vorkommen. Oder Sie bedienen sich der John-Wayne-Methode. Die John-Wayne-Methode steht in dem Buch Wie man einen verdammt guten Roman schreibt von James N. Frey und geht so: Sie knirschen mit den Zähnen, wippen auf den Fersen, stecken die Daumen hinter den Gürtel und sagen: "Ich schreibe einen Roman, und wenn Sie Ihr Gesicht nur ein bißchen verziehen, blase ich Ihnen die Kerzen aus, Pilger."

Wieder einmal hätten Sie erfahren müssen, daß Leute, die Romane schreiben, unseriös sind - im Gegensatz zu Musikern, Malern, Bildhauern oder Komponisten. Die müssen in Deutschland studieren und bekommen ein Diplom, das den windigen Begriff des Künstlers abfängt und akademisch untermauert. Schriftsteller, das hätten Sie abermals bestätigt gesehen, gelten als Luftikusse und Taugenichtse, und natürlich hat das eine gewisse Tradition. Schon früher wollten alle fleißigen Kinder Pilot werden. Oder Krankenschwester, Lokführer, Stewardeß. Nur faule Kinder wollten Schriftsteller werden. Oder Popstar. Das braucht man nicht zu lernen. Das kann man oder kann man nicht.

Während anständige Leute arbeiten, sitzen Schriftsteller in der Sonne und schauen aufs Meer raus. Und weil sie davon ganz schwermütig werden, müssen Schriftsteller viel Rotwein trinken. Um das Loch im Bauch zu stopfen. Ein Loch, das weniger vom Hunger als vielmehr von der alles verzehrenden Sehnsucht nach dem Wahren und Schönen rührt, und diese Sehnsucht ist es, die sie umtreibt. Die ihnen die Kraft gibt, Romane zu schreiben.

Natürlich ist das romantisch. Romantik ist das Privileg der Faulen. Deshalb schreiben faule Kinder bereits mit acht Jahren verklärte Geschichten über ihre Zwergkaninchen, mit vierzehn düstere Gedichte über Selbstmord und später Pubertätsbewältigungsprosa, die zwischen zwei Tagebuchdeckeln gut aufgehoben ist.

Wer aber jenseits des Deutsch-Leistungs- kursus noch weiterschreibt, ohne unglücklich oder verliebt oder beides zu sein, meint es ernst. Hier beginnt, wenn man so will, der Prozeß des "Schreibenlernens": über die schlichte Liebe zur Literatur.

Die meisten Schriftsteller lesen irgendwann ein Buch, das sie selbst gern geschrieben hätten. Den Fänger im Roggen zum Beispiel. Sie setzen sich hin und versuchen, genauso zu schreiben wie Salinger. Natürlich klappt das nicht. Natürlich kann niemand so schreiben wie jemand anders. Aber durch genau diese Erkenntnis, durch Ausprobieren, Scheitern und Verbessern formt sich ein Ton, prägt sich ein Stil - Schreibschule hat begonnen. Allerdings ohne Klassenkame- raden und mit nur einem einzigen Lehrer: dem eigenen Text.