"Was, Sie leben noch?" soll Adolf Eichmann beim Besuch im KZ Theresienstadt dem Vorsitzenden der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, Leo Baeck, gesagt haben. Dieses "noch" prägt bis heute unser Bild vom Juden als Opfer. Dagegen erforscht das 1954 in Jerusalem gegründete Leo Baeck Institut (LBI) die ganze deutsch-jüdische Geschichte; mit seiner Arbeit will es jene eingeschränkte Opferperspektive überwinden.

Wie nur kommt Michael Naumann auf die Idee, ausgerechnet eine Filiale des LBI auf dem Berliner Gelände ansiedeln zu wollen, das dem Gedenken an die ermordeten Juden gewidmet ist: neben Eisenmans Stelenwald? Vielleicht steht hinter seinen Mahnmal-Pirouetten die Überlegung: Da die Generation Kohl, die es nötig hatte, das Mahnmal nun akzeptiert, brauchen wir, die junge Republik, es im Grunde nicht mehr. Doch falls es nicht zu stoppen ist, soll es wenigstens aufgehoben sein im multiplen Themenpark. Und "die Trägerschaft der gesamten Anlage", schreibt Naumann in seinem Mahnmal-Konzept, "wird dem Jüdischen Museum übertragen".

Solche Erfahrungen aber sind keine Pannen, in ihnen lebt die Vergangenheit fort. Über diese Gegenwart macht sich Staatsminister Naumann offenbar Illusionen, sonst würde er nicht einer Einrichtung, die jüdischen Themen gewidmet ist, den Gedenkkomplex des Tätervolkes zuschlagen. Die Übertragung (auch ein psychologischer Begriff) wird zum Entlastungstrick: Deutschland delegiert die Verwaltung der Verbrechensfolgen an die Opfer und stellt sich anmaßend auf deren Seite. Als sei damit, per Identifikation, die deutsch-jüdische Symbiose erreicht. Als gebe es ihn nicht, jenen Riß zwischen den Erben der Erinnerung.

Die gemeinsame Sprache des Gedenkens werden spätere Generationen finden, vielleicht. Das Mahnmal von heute aber darf nicht aus dem Ministerbüro heraus dem Jüdischen Museum aufgehalst werden. Die Suche nach dem Inhalt dieses immer noch leeren Gebäudes ist etwas ganz anderes als die Mahnmal-Debatte; sie umkreist letztlich die Frage nach der jüdischen Identität heute, dafür braucht man dort ein vitales Forum der Gegenwart.

Das Mahnmal als Projekt der nationalen Selbstdefinition jedoch gehört in die Verantwortung des Deutschen Historischen Museums. Die Mahnmal-Debatte handelt von deutscher Schuld, von Verantwortung, von deutscher Identität.