Es war keine Bezeugung von Respekt, sondern vielmehr ein geschickter politischer Schachzug. Stalin wußte den Parteigenossen Uljanow, der Welt bekannt als Wladimir Iljitsch Lenin, auch noch als Toten für seine Zwecke einzuspannen: Er ordnete die Konservierung des am 20. Januar 1924 verstorbenen Staatsgründers an. Dessen fortgesetzte Präsenz sollte die Union zusammenhalten - was in den folgenden Jahren immer schwieriger wurde.

75 Jahre nach Lenins Ableben gibt es zwar die Sowjetunion nicht mehr, der Leichnam aber liegt unverdrossen in seinem Mausoleum auf dem Roten Platz - in fast alter Frische. Die Geschichte seiner Konservierung, eines der spannendsten Nebenkapitel der Weltgeschichte, erzählt der heute 85jährige Ilya Zbarski, Sohn des ersten Lenin-Präparators, in seinem nun auch in Deutsch veröffentlichten Buch Lenin und andere Leichen. Unterhaltsamer kann ein wissenschaftliches Buch kaum sein: Es verrät nicht nur, was von alt gestorbenen Staatsgrößen und jung erschossenen Mafiahelden übriggeblieben ist, sondern schildert auch Höhen und Tiefen eines Forscherlebens in einer sich stark verändernden sozialen und politischen Umgebung.

Ganz anders sah das der ukrainische Anatomieprofessor Worobjow. Er schimpfte über diesen "unglaublichen Schwachsinn". Denn tiefe Temperaturen zerstören erstens durch Eiskristallbildung die Zellen, so daß die Leiche beim Auftauen zu einem Brei zusammenfällt. Zweitens kann Kälte weder Fäulnis noch Selbstzersetzungsvorgänge dauerhaft verhindern, weil Bakterien und Enzyme dadurch nur langsamer arbeiten, aber keineswegs zerstört werden.

Professor Worobjows böse Bemerkungen kamen dem Biochemiker Boris Zbarski zu Ohren. Er träumte vom sozialen Aufstieg und packte die Gelegenheit beim Schopf. Zbarski gelang es, das "Kreml-Komitee zur Unsterblichmachung des Andenkens Lenins" davon zu überzeugen, daß nur eine sofortige chemisch-morphologische Präparation den Körper retten konnte. Mittlerweile war wertvolle Zeit vergangen. "Als die Präparatoren zwei Monate nach Lenins Tod endlich mit der Arbeit beginnen konnten, wußten sie, daß der kleinste Fehler sie das Leben kosten würde", erinnert sich Zbarskis Sohn Ilya, der später selber zum Mausoleumsteam gehörte . Die Leiche war mittlerweile weiter vertrocknet, ein Ohr völlig verschrumpelt, die Lippen öffneten sich um einige Millimeter, und an einigen Stellen begannen die bakterielle Fäulnis und Hautverfärbung.

Die Präparatoren hatten Glück. Wie sich zeigte, hatte der erste Obduzent zwar Lenins Gehirn für die damals üblichen Vergleiche zwischen der Gehirnstruktur und dem Charakter berühmter Personen entnommen, im übrigen hatte er aber das scharfe Konservierungsmittel Formalin, gemischt mit Alkohol, einem Chlorsalz und Glyzerin, in die Adern der Leiche gefüllt. Diese desinfizierende Frostschutzmischung erwies sich im Zusammenspiel mit den niedrigen Temperaturen als ausgezeichnete Konservierungshilfe. Worobjow, Zbarski und drei Assistenten konnten nun auf einem Marmortisch im Mausoleumskeller die Organe aus der Leiche entfernen und den anschließend ausgestopften und vernähten Körper in ein Bad aus Glyzerin, Kaliumazetat, Alkohol und Chlorid tauchen. Die nach einigen Wochen wiedergewonnene Körperfeuchte wurde und wird bis heute durch Gummibinden, die unter dem Anzug des toten Staatsführers herlaufen, im Körper gehalten.

Im Gegensatz zur klassisch-ägyptischen Mumifizierung, das heißt der völligen Austrocknung, bei der die Leiche praktisch unkenntlich wird, blieb Lenins Körper der lebenden Person so ähnlich, daß Vater und Sohn Zbarski nicht nur hohe Auszeichnungen erhielten, sondern auch Chaos, Terror und politischen Wahnsinn der folgenden Jahrzehnte überlebten.

In Sibirien erhielt der blasse Lenin seinen rosa Teint zurück