Die Deutschen sind ein dickes Volk. Knapp 50 Millionen Bundesbürger sind nach dem Maßstab der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu schwer. Und von denen wiegen etwa 12 Millionen dermaßen viel, daß Ärzte von einer Krankheit sprechen: Fettsucht. Dem Heer der Schwerstgewichte will nun die Knoll AG in Ludwigshafen, Pharmatochter der BASF, zu Leibe rücken. Reductil heißt die Pille, die den Hunger bändigen und den Speck schmelzen lassen soll. Mit Rezept sind die blaugelben Kapseln von Montag an in der Apotheke zu kaufen.

"In klinischen Studien mit über 6000 Patienten hat sich Reductil als wirksam und gut verträglich erwiesen", sagt Christine von Landenberg, Medizinerin bei Knoll. Mit 10 Milligramm Sibutramin täglich, so heißt die Reductil-Wirksubstanz, hätten 86 Prozent der Probanden mindestens 5 Prozent ihres Ausgangsgewichts verloren, jeder dritte von ihnen nahm sogar um mehr als 10 Prozent ab. Allerdings ist es schwierig, sich ein genaues Bild zu machen, weil bisher nur ein kleiner Teil der von Knoll finanzierten Untersuchungen veröffentlicht ist. Da die dicken Testpersonen in einigen Studien nicht nur Reductil schluckten, sondern auch ihre Ernährung umstellten, bleibt der Effekt der Abmagerungspille schwer einzuschätzen.

Im Unterschied zu Xenical, das im Darm wirkt und dort die Fettaufnahme um ein Drittel reduziert, beeinflußt Reductil die Vorgänge im Gehirn, und zwar im Hypothalamus, der unter anderem am Eßverhalten beteiligt ist. Außerdem beeinflußt diese winzige Hirnregion Schlaf, Sex, die Temperaturregulation sowie die zwischenmenschlichen Gefühle und die Körperbewegungen. Die Wirksubstanz Sibutramin hemmt die Wiederaufnahme der Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin, so daß die beiden Nervenboten länger im Gehirn wirken können. Einerseits soll dadurch das Sättigungsgefühl zunehmen, zum anderen soll sich durch eine Aktivierung des Stoffwechsels der Energieverbrauch erhöhen. Warum aber rund 10 Prozent der Menschen nicht auf Reductil ansprechen, darüber rätseln die Forscher. In einer Studie mit 605 Probanden haben 30 die Kapseln wegen Nebenwirkungen abgesetzt. Die häufigsten waren Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Verstopfung und Herzjagen.

So warnen denn auch Ärzte vor der Psychopille für Fettleibige. "Ich halte nichts von Reductil. Noch fehlen Daten, ob es etwas bringt. Der langfristige Erfolg ist fraglich", sagt Peter Sawicki, Internist an der Klinik für Stoffwechselkrankheiten und Ernährung der Universität Düsseldorf und Mitherausgeber der kritischen Zeitschrift arznei-telegramm. In den Studien wurde Reductil bisher nicht länger als zwei Jahre lang eingenommen. "Noch ist unklar, welche Nebenwirkungen bei jahrelangem Konsum auftreten", urteilt der Arzt.

Knoll hält entgegen: Einerseits wirke Reductil ganz ähnlich wie das Antidepressivum Fluctin (in den USA Prozac genannt). Das sei weltweit millionenfach verschrieben worden, ohne erkennbaren Schaden anzurichten. Zum anderen hätten bislang 600000 Menschen in den USA die Magerpille eingenommen, die dort seit vergangenem Februar unter dem Namen Meridia verschrieben werden darf. Auch hier seien die Nebenwirkungen gering und selten. Allerdings hat die amerikanische Zulassungsbehörde FDA vor Nebeneffekten wie erhöhtem Blutdruck und Pulsschlag gewarnt. Patienten mit hohem Blutdruck, Herzbeschwerden oder ähnlichen Beschwerden sollten den Appetitzügler meiden. Nach einem Bericht der New York Times hat sich der wissenschaftliche Beirat der FDA wegen der Risiken gegen eine Zulassung von Meridia ausgesprochen; die Behörde habe sich aber über diese Bedenken hinweggesetzt.

Peter Sawicki fürchtet, daß sich auch Menschen mit nur leichtem Übergewicht die potente Psychopille vom Arzt verschreiben lassen. Solch einen Mißbrauch kann man bei Knoll nicht ausschließen. "Das kann immer passieren", sagt der Produktmanager Richard Kessing. Auch daß es nach dem Absetzen von Reductil zum "Jojo-Effekt" kommt und der Patient die verlorenen Pfunde um so rascher zunimmt, kann man bei Knoll nicht ausschließen. Peter Sawicki bezweifelt grundsätzlich, ob eine Gewichtsreduktion - egal, ob nun mit oder ohne Reductil - die Betroffenen überhaupt gesünder macht. "Dick macht krank" heißt es dagegen in den Presseunterlagen, welche Knoll in diesen Tagen verschicken läßt. Mehr noch: In den kommenden Wochen wird Knoll die verschreibenden Ärzte in bundesweiten Seminaren auf ihr neues Produkt aufmerksam machen.

Allerdings könnten viele Ärzte skeptischer auf Reductil reagieren, als den Knoll-Managern lieb ist. Zu frisch ist unter den Medizinern die Erinnerung an zwei Medikamente, denen eine ähnliche hungermindernde Wirkung nachgesagt wurde: Fenfluramin (Ponderax) und Desfenfluramin (Isomeride). Diese populären Appetitzügler mußten 1997 vom Markt genommen werden - sie stehen im Verdacht, krankhafte Veränderungen an den Herzklappen zu bewirken.