Wenn der Mann, der sich "Mr. President" nennen läßt, nachdenkt, lehnt er sich auf seinem Stuhl zurück. Sein Sakko öffnet sich, und zum Vorschein kommen schmale, weiße Hosenträger. Man kann die Halter neuerdings häufiger sehen, weil Juan Antonio Samaranch, der 78jährige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), viel nachdenken muß. Die Welt, über die er herrscht, droht zu zerbrechen.

Im 19. Jahr unter der Präsidentschaft des spanischen Marquis Samaranch ist das olympische Politbüro im Gerede wie niemals zuvor. Täglich neue Nachrichten über bestechliche IOC-Mitglieder, die sich von Städten, die für Olympia kandidieren, haben beschenken lassen. Der Bestechungsskandal in der amerikanischen Mormonenstadt Salt Lake City, wo 2002 die Olympischen Winterspiele stattfinden sollen, weitet sich auf Sydney und Nagano aus.

Allen voran Präsident Samaranch, in der ungewohnten Rolle des Aufräumers, der plötzlich um Transparenz bemüht ist. Zum Gespräch mit der ZEIT und Journalisten amerikanischer Tageszeitungen bittet er in einen kleinen Konferenzraum im IOC-Glaspalast am Genfer See. Am Revers seines Anzugs fünf kleine olympische Ringe in Gold, auf dem Tisch, als einziger Schmuck, eine niedergebrannte Adventskerze.

DIE ZEIT: Das Internationale Olympische Komitee steckt in seiner größten Krise. Am Sonntag hat es seinen Bericht über die Bestechungsaffäre im Umfeld der Winterspiele von Salt Lake City vorgelegt. Sechs beschuldigte IOC-Mitglieder sollen ausgeschlossen werden. Sie, Herr Präsident, haben dazu erklärt, daß es schon länger Gerüchte über Korruption und Bestechung im IOC gegeben habe. Warum haben Sie nicht früher eingegriffen?

JUAN ANTONIO SAMARANCH: Schon vor etwa zehn Jahren haben wir das IOC-Mitglied Marc Hodler beauftragt, auf die Bewerbung und Auswahl von Städten zu achten, die sich um die Olympischen Spiele bewerben. Marc Hodler hat für das IOC eine Reihe von Verhaltensregeln aufgestellt, was Reisen und Geschenke betrifft. Lex Hodler haben wir dieses Papier genannt. Aber das reichte nicht aus.

ZEIT: Warum hat die IOC-Kontrolle in Salt Lake City versagt?

SAMARANCH: Mir wurden am 11. Dezember vergangenen Jahres die belastenden Dokumente übergeben. Bis dahin gab es nur Gerüchte, aber keine Fakten.