Es ist heute schwer mehr vorstellbar, was für die Generation der in der Adenauer-Republik der fünfziger Jahre Großgewordenen die Entdeckung der Texte Adornos bedeutete, als sie Anfang der sechziger Jahre in der edition suhrkamp und anderen Taschenbuchreihen zu erscheinen begannen: Eingriffe, Drei Studien zu Hegel, Ohne Leitbild, Prismen, Kulturkritik und Gesellschaft. Was bislang eher ein dumpfes Unbehagen an den Verhältnissen war, wurde hier auf den Begriff gebracht. Was wir als Atemnot erlebten, wurde Gegenstand der Kritik.

Der Weg zur Lektüre der Dialektik der Aufklärung war damit allerdings noch nicht gebahnt. Auf das Kapitel über die Sirenen-Episode der Odyssee stieß ich Mitte der sechziger Jahre beim Blättern im ersten Jahrgang der von Peter Huchel in Ost-Berlin herausgegebenen Zeitschrift Sinn und Form neben Texten von Benjamin, Block, Lukács und Werner Krauss. Das Buch aber war weder im Handel noch in der Bonner Universitätsbibliothek zu bekommen; lesen konnte ich es schließlich in der Präsenzbibliothek des Bundestages. Die Voraussetzungen zu seinem Verständnis hatten mir die Schule und die Universität der fünfziger Jahre freilich nicht vermittelt, sie mußte ich mir im Selbststudium erarbeiten.

Peter Bürger, geboren 1936, ist Professor für Allgemeine Literaturwissenschaften und Romanische Literatur an der Universität Bremen

· Max Horkheimer/Theodor W. Adorno:Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1997; 275 S., 19,90 DM