Am Anfang war die Zukunft ein Fragezeichen. Im Büro des Geschäftsführers im alten Klinkerbau hing an der Wand ein handschriftlicher Zettel. "How would Billy do it? Would he do it?" stand darauf, und Volker Schlöndorff saß daneben und seufzte. Billy Wilder konnte ihm nicht helfen: Die Vision vom neuen Babelsberg, der Traum vom mythischen Ort als Heimstatt für das europäische Kino, hatte sich in den Mühen des Alltags schnell als Trugbild erwiesen. Und doch mischte sich verhaltener Stolz in die Melancholie des Direktors. Wenn der Geschäftsführer Schlöndorff sein Krisenmanagement erläuterte, hatte man den Eindruck, mit dem Schicksal der Studios stehe mindestens die Rettung des Abendlands auf dem Spiel. Das war 1992, 80 Jahre nach der Gründung der Traumfabrik vor den Toren Berlins, 50 Jahre nach der legendären Ufa-Ära und kurz nach der Übernahme des Defa-Geländes durch die Medienholding der französischen Compagnie Générale des Eaux (heute: Vivendi). Sechs Jahre später ist Babelsberg eine Großbaustelle. Der Mythos Marlene: endgültig passé. Aber auch der Untergang des Abendlands läßt auf sich warten. Hier werden immer noch Filme produziert.

Der neue Geschäftsführer Friedrich-Carl Wachs, seit gut einem Jahr im Amt, begrüßt die Besucherin mit jovialem Handschlag und Optimismus im Knopfloch. Selbstzweifel sind schlecht fürs Image. Sein Büro findet sich im nüchternen Neubau: Hier wird nicht von der Zukunft geträumt, hier wird sie verwaltet. Die neue Mannschaft: jung, tüchtig, fernseherfahren. Zwischen Metropolis- Legende und digitalem Zeitalter zählt nun die Marktgängigkeit. Der Blaue Engel geistert nur noch in den Werbeslogans der Hochglanzprospekte: "The studio, where Fritz Lang shot Metropolis and where Marlene Dietrich crossed her lovely legs." Perfekte Grafik, ansprechendes Design auf blauem Grund. Handgeschriebene Zettel haben hier nichts zu suchen.

In den Hallen, wo einst Asta Nielsen und Emil Jannings auftraten, entstehen nun am laufenden Band Serien wie Vera am Mittag und Gute Zeiten, schlechte Zeiten . Kein Kinozauber, nirgends. Babelsberg ist in der Gegenwart angekommen.

Zwar standen in den vergangenen Monaten Veronica Ferres und Götz George hier vor der Kamera für die Spielfilme Die Braut und After the Truth. Zwar liegt die deutsche Filmbranche mit einer Umsatzsteigerung von 18,9 Prozent (Jahresmitte 98) im Aufwind. Aber ausgerechnet das boomende Kino stellt für die Studios nach wie vor das größte Problemkind dar. Eben deshalb hatte Volker Schlöndorff seinen Hut genommen und fungiert nun als Berater der Medienholding. Die Großproduktionen, die unter seiner Leitung entstanden, hatten sich ohne Ausnahme als Flops erwiesen, allen voran seine eigene umstrittene Tournier-Adaption Der Unhold.

Babelsberg heute: ein Eldorado fürs Entertainment? Nein, damit möchten sich die neuen Studiobosse nicht abfinden. Friedrich-Carl Wachs wünscht sich für die 14 Ateliers mehr Auslastung und plant drei bis vier Eigenproduktionen pro Jahr. Auch internationale Koproduktionen sind im Visier. Darüber hinaus glaubt Wachs fest an die Notwendigkeit von Studiokapazität, denn Kostümfilme haben Konjunktur: "Warum soll Joseph Vilsmaier seine Marlene nicht hier, an ihrer historischen Wirkungsstätte, für die Leinwand wiederbeleben?" Sei's drum: Klaus Maria Brandauer trat kürzlich nicht in Babelsberg, sondern in Bottrop und Köln für das Historienspektaktel Rembrandt vor die Kamera.

Film ist schön, kostet aber viel Geld. Und am Geld fehlt es in der Region. Klaus Keil, der ebenfalls auf dem Gelände ansässige Intendant des Filmboard Berlin-Brandenburg, kann gerade einmal 24 Millionen Mark Fördergelder verteilen; sein Kollege Dieter Kosslick von der NRW-Filmstiftung verfügt über mehr als das Doppelte. So wurde Tom Tykwers Berlin-Film Lola rennt zu großen Teilen mit NRW-Geldern finanziert, und Babelsberg hat im Herbst sogar eine Dependance in Köln eröffnet. "Im Förderkarussell zwischen München, Düsseldorf und Berlin können wir nicht mitbieten", stellt Wachs lakonisch fest. Das kulturelle Hinterland mit all seinen in der Hauptstadt ansässigen Filmschaffenden liegt nur eine halbe S-Bahn-Stunde entfernt, und doch wandern die Filmemacher mit ihren Projekten immer wieder in die reicheren Bundesländer ab. Die Rede vom "Humankapital": ein frommer Wunsch.

Der Aufstieg vom Hallenvermieter zum Produzenten geht schleppend voran. Noch ist Babelsberg ein Dienstleistungszentrum. Vom preußischen Backenbart bis zum digitalen Bildtransfer werben die Studios für ihren "Fullservice mit Esprit". Über hundert Unternehmen betreiben hier ihre Geschäfte, darunter die mächtige Ufa und die Sendeanstalten des ORB. In den Werkstätten mit den Tischlern und Schneidern, Stukkateuren und Requisitenbauern trifft die Besucherin Menschen mit Berufsethos, Experten der alten Schule, die stolz sind auf das, was sie vorzeigen können. Sie bewundert das imposante Tonstudio. Sie staunt im Kostümfundus (Damen im Erdgeschoß, Herren im ersten Stock) über die Rokoko- und Empirekleider und lernt von Frau Joppien, Herrin über 250000 Roben und Uniformen, den Unterschied zwischen einer Schlaghose aus den siebziger und den neunziger Jahren. Sie erfährt, daß etwa im Maskenstudio 90 Prozent der Aufträge von außerhalb kommen; mit Film oder Fernsehen hat ein Großteil der Kundschaft gar nichts zu tun. Sie entdeckt dort einen altmodisch bekleideten Herrn aus Pappmaché. Und der Maskenbildner Frank May erzählt ihr dazu die Geschichte vom Geliebten aus Großmachnow: Eines Tages kam eine Frau mit einem Foto zu ihm. Es zeigte ihren Liebhaber, den Ehemann einer Nachbarin. Der hatte sich auf der Jagd eine tödliche Lungenentzündung zugezogen, und die Dame bestellte bei Frank May ein lebensgroßes Ebenbild des Verstorbenen. So kann die Hinterbliebene auch posthum mit dem Mann ihrer Träume frühstücken und ihn ins Fenster stellen, wenn die Ehefrau vorübergeht. Heute gehört der Geliebte aus Großmachnow zu den Stammgästen der Babelsberger Ateliers. Sein Teint muß regelmäßig aufgefrischt werden.